Skat und eine Runde Rosengarten


Untertitel: 
14. - 21.07.2012. Tourenleiter Heinz Braun.

Wir waren fünf: Heinz, Leiter der Tour - ihm geht das Gerücht voraus, er hetze die Leute die Berge hinauf. Nix von wahr! Er hat in den richtigen Abständen Pause gemacht und mit väterlicher Geduld gewartet, bis wir genug verschnauft hatten. Nur wenn er allein war (s.u. Gartlhütte), ja dann ging er ab wie eine Rakete - Gerd, der Stille, Robert, der Genießer, Willi, der Ameisenfreund und Hans, der bescheidene Chronist..

Als Heinz, Willi und ich in Tiers ankommen, sind Gerd und Robert schon da, mit etwas gehobener Zufahrt von Bozen: Taxi statt Bus. Das „Paradies“* haben sie auch schon entdeckt. Ein Bikinimädchen fällt fast ins Wasser und eine Ukrainerin fast vom Hocker, als die beiden charmanten Herrn sich nach ihrem Befinden erkunden. Weitere Kontaktaufnahmen mit Ein-Einheimischen und Touristinnen werden durch unseren Einbruch in diese Idylle rüde beendet. (*ein Restaurant im Ort). Der Abend in unserem Quartier, Hotel Rose, dient dem Beschnuppern und dem Verzehr des abendlichen Teils der Halbpension. Wenn man denkt, das sei nun das Hauptgericht, ist es erst eine der zahlreichen Vorspeisen. Als dann das inzwischen gefürchtete Hauptgericht kommt, sind wir eigentlich schon pup- ´tschuldigung - pappsatt, arbeiten uns dennoch tapfer in das Gericht vor. Trotz der Erfahrung mit Halbpension in dieser Gegend, verzichten wir seltsamerweise erst gegen Ende der Tour darauf, vielleicht, weil es doch in der Regel sehr gut schmeckt.

Der Samstag führt uns zur Rosengartenhütte = Kölner Hütte = Rif. A. Fronza am Fuß des Rosengartens – nur Aufstieg. Robert, für den es die erste alpine Tour dieser Art ist, will es trotz seines Lobes auf die kompetente Verkäuferin bei Sack&Pack ob der komfortablen Schuhe, die er trägt, nicht gleich übertreiben und lässt sich ab der Frommer Alm im Sessel(-lift) nach oben tragen – vielleicht will er aber auch seine geliebten Zigarillos nicht länger, bis zum Ende des kompletten Aufstiegs zu Fuß warten lassen. Wir anderen steigen, anfangs recht steil - Skipiste! – zur Hütte. Der Rest des Tages vergeht mit dem traditionellen Gesellschaftsspiel der Älpler: Skat. In der Nacht dringt durch meine Ohrstöpsel ein gedämpftes Grollen. Ist es das Gewitter oder ein Schnarcher?

Am Sonntag Morgen ragen die Berge aus einer weißen Wolkenschicht. Der Weg führt am Hang entlang, über uns die Rosengartenwände. Das Wetter trübt ein. Am Adlermonument, errichtet zu Ehren von Theodor Christomannos (gest. 1911), der bedeutendsten Figur bei der Entwicklung des Fremdenverkehrs in Tirol, wird klar: bald geht es los. Dennoch, jeder will noch mit dem Tierchen – 2,70 m – fotografiert werden. Heinz legt ihm zutraulich die Hand auf die Schulter, trotz des scharfen Schnabels, der auf ihn gerichtet ist. Wenig bergtauglich gekleidete Menschen lassen auf die nahe Zivilisation schließen, nicht unwillkommen, denn gleich wird es blitzen, krachen und regnen. Das Volk strömt zurück, wir, regendicht verpackt, vorwärts zur Baita Marino Pederiva. Kaffee, Kakao bestellt und wegen der Massen im Innern wieder hinaus – in die Sonne. An das Gewitter erinnern nur noch die nassen Tische und Bänke. Das war es dann auch schon mit Nässe für die kommenden Tage. Nach knapp 300 Metern Abstieg und einem schönen Pfad durch den Wald erreichen wir die Ciampedie Hütte. Es ist ein Wintersportplatz. Hier enden drei Sessellifte und eine Kabinenbahn. Unten liegt das Fossatal, grandioser Blick zur Sella. An der Hütte ist seit 100 Jahren wenig verän-dert, die originalen Fenster, Türgriffe usw., irgendwie alles stimmig. Die ursprünglich der Leipziger Sektion gehörende Hütte wurde nach dem 1. Weltkrieg enteignet. Am Abend soll nach Vorschlag von Heinz Gesang erklingen. Wegen der nicht stimmbaren Gitarre müssen unsere kräftigen Männerstimmen allerdings allein den Ton halten, den meist einer von uns trifft. Die Italiener strömen aus der Küche herbei oder woher auch immer, ob voller Bewunde- rung oder Entsetzen ist nicht auszumachen. Aufgefordert, können sie nicht einmal „La Montanara“. Wir aber, ausgestattet mit Heinzens Liederheften, können alles, vom Müller, dessen Lust das Wandern ist, bis vor Madagaskar, wo wir lagen. Und danach als Betthupferl – Skat!

Montag. Herrliches Wetter. Der Weg zur Vajolethütte führt durch ein romantisches Tal, zunächst abwärts, dann ab dem Rif. Gardecia aufwärts. Bis dort reist mancher Normaltourist mit dem Pendelbus an und bleibt hier schon an Bier und Wurst hängen oder macht sich doch auf den breiten Anstieg zur Vajolethütte. Wir steigen rechts hinauf  zum Panoramaweg, wo wir öfter auf Edelweiß treffen. Bald kommt die Hütte in Sicht. Auf der anderen Seite des Tals sieht man hoch oben unter den Vajolettürmen die Gartlhütte. Heinz ist wohl froh, dass er nach Bezug der Zimmer endlich einmal ungebremst dort hinauf losstürmen kann, weil keiner mit will. Das schafft er in glaubwürdigen 35 Minuten – für den genügsamen Mitteleuropäer ist mehr als eine Stunde vorgesehen. Nach Kaffee und Kuchen da oben und Kletterer-an-den-Vajolettürmen-Gucken leistet er beim Abstieg einigen Unsicheren noch Gehhilfe. Wir vier Zurückgebliebenen frönen der Muße im Liegestuhl, im Geist die sich mehrenden Wolken verschiebend, die uns die Sonne nehmen. Von Zeit zu Zeit schreitet einer zur Dusche und kommt runderneuert zurück, um sich mit Kaffee und Kuchen zu stärken für den unvermeid-lichen Skat, der gleich nach dem Abendessen wieder von uns Besitz ergreift. Ein wunderschöner klarer Abend – ich meine jetzt das Wetter, am Skat ist mir noch manches unklar.

Am Dienstag beim Start frisch, aber sonnig. Bis zur Grasleitenpasshütte geht es stetig berg- auf. Zum Antermojapass führt ein schmaler Pfad steil aufwärts, der gut bevölkert ist. Drei Radler schleppen ihre Geräte hinauf  mit unterschiedlichen Techniken: einfach angehoben oder quer über der Schulter. Einer versucht, es durch Tritt in die Pedale zu schaffen, das bringt ihn aber nur 25,5 cm voran, dann gibt er auf, zu steil. Wir treffen sie noch einige Male. Einer fährt sogar ein Schneefeld hinunter. Das hintere Rad will aber nicht so recht mitmachen, wenn er bremst. Vom Pass gehen wir noch ein Stück höher, gut sichtbar die Marmolata mit ihrem Eispanzer. Dann hinab zur Antermojahütte, mit Pause am Antermojasee. Die Hütte ist proper, doch der minimale Waschraum außer Haus oder man benutzt das Waschbecken in der Toilette. Vielleicht sollten wir doch die 5 Minuten zum See zurückgehen. Nach Bezug der Betten steigen wir noch auf einen Hügel oberhalb der Hütte. Toller Rundblick: Marmolata, Cristallo, Sella, Lang- und Plattkofel. Nach der Rückkehr denke ich, wenigstens die Füße waschen vor dem großen Andrang am Waschbecken im Klo. Als ich in die Gaststube runterkomme, was sehe ich? Vier Krefelder Bergsteiger beim Skatspiel. Selbst Gerd hat inzwischen das Fieber des Glückspiels gepackt, und er macht sich, hat die Spiel- und Analyseexperten sogar schon mit einem Grand geschlagen. Nach einiger Zeit flüchte ich in die entfernteste Ecke des Raums. Am Tisch hinter uns sitzt eine Gruppe von 3 Männern und 3 Frauen, die über jeden Scheiß, den einer von ihnen von sich gibt, lauthals losbrüllen. Es sind Pfälzer. Wer sagt eigentlich, dass Sächsisch der schlimmste deutsche Dialekt sei? Der „Pfälzer Abend“ entwickelt sich noch, mit Gitarre, Moritaten aus’m fälzerische Miljö und Tanzeinlagen – wer sonst noch im Raum ist, hat keine Chance.

Mittwoch. Nachdem uns das pfälzerische Gebrabbel noch bis zum Sattel begleitet hat, wer- den wir die Gruppe durch taktische Verzögerung unsererseits endlich los. Der Abstieg ins  nördliche Tal ist im unteren Teil unangenehm: Latschenkiefern, ausgewaschene, enge Rinnen, teils matschig, glatte Steine usw., aber herrliche Aussicht auf die hohen Gipfel. Das morgendliche Licht der schräg stehenden Sonne verstärkt den Kontrast der verschiedenen Grüntöne der tiefer gelegenen Partien. Beim Aufstieg zum Mahlknechtjoch eine tote Kreuzotter auf dem Weg, ziemlich nahe hoppelt ein Murmeltier durch das Gras. Eine Gruppe junger Frauen zieht an uns vorbei. Robert grüßt sie mit „Helau“, doch erntet nur befremdete Blicke. Wegen der unpassenden Jahreszeit oder wegen seines nun doch schon etwas ergrauten Haaransatzes?

Auf der anderen Seite des Jochs öffnet sich unserem Blick die Seiser Alm, eine große sanft wogende Fläche mit Kühen und vereinzelten Gebäuden. Die Zahl der Urlauber wächst mit der Nähe zur Mahlknechthütte. Dort stärken wir uns mit Getränk und Speckknödelsuppe.

Robert gibt eine Runde: 6 (!) Gabeln und einen Kaiserschmarren. Er hofft wohl, die nicht unansehnliche Bedienung wird mitessen – vergeblich. Bald nach unserem Aufbruch taucht der Schlern auf. Dann der Aufstieg zur Rosszahnscharte. Wenn ganze Familien das schaffen, dann wir auch. Bald sind wir an der Tierser Alpl Hütte. Zuerst ein erfrischendes Getränk, dann Dusche, Kleider waschen und Muße. Der Abend vergeht (wie) im Spiel.

Robert geht allerdings fremd, zeigt ein paar jungen Leuten, was ein Doppelkopf ist. Wir Alleingelassenen – na, was wohl?

Donnerstag. Schon wieder schönes Wetter, leider etwas dunstig. Der Weg zur Schlernhütte ist verhältnismäßig kurz, zuerst abwärts, dann steil hinauf , danach offenes Gelände, es weht ein zeitweise heftiger Wind. Das Schlernhaus ist urig, der Speisesaal hoch wie ein Bahnhofsrestaurant, aber, weil mit viel Holz, gemütlich. Nach einer kurzen Rast trennen wir uns. Heinz mit Gerd und Willi erkunden schon mal ein Stück des morgigen Weges. Ergebnis: Wir nehmen Weg Nr. 2, der leicht abwärts am Hang entlang zur Bärenfalle verläuft.

Robert und ich suchen zunächst die St. Kassian Kapelle, finden sie aber nicht, weil sie in einer Vertiefung liegt. Daraufhin fotografiert Robert rammelnde Kühe und genießt anschließend die Sonne, in Ermanglung eines Liegestuhls im Grase liegend.(Es gibt tatsächlich vor dem Schlernhaus keine zivilisierte Möglichkeit - Stuhl, Bank oder so – zu dösen oder einfach in die Weite zu schauen). Ich steige zum Monte Pez, dem höchsten Punkt des Schlerns auf und weiter zum anderen Ende dieses Felsbrockens mit einer spektakulären Sicht auf  die vorgelagerten Felszacken Euringer und Santner und die im Tal liegenden Orte. Am Abend leuchtet fern die Kölner Hütte am Rosengarten auf. Was noch? Ach so, zum Tagesabschluss Skat.

Freitag, letzter Tag, auf zum Abstieg nach Tiers durch die Bärenfalle, ein Einschnitt in das Schlernmassiv. Entsprechend steil geht es nach unten, teils künstliche Stege, teils Geröllpfade. Und dabei passiert es! Willi: „Hinter mir hörte ich Rutschen, drehte mich um, griff zu und hatte Robert gefasst kurz vor der Kante.“ Na, es wäre kein senkrechter Fall gewesen, doch einige Meter unangenehmes Gerüttel. So bleibt es nur bei Schürfwunden am Arm, die mit Betaisodona und  Verband versorgt werden, und einem geknickten Stock. Robert indes ist   nicht geknickt, sondern wieder voller Tatendrang. Der unvergessliche Eindruck, den er die Woche zuvor auf die Wirtin des „Paradieses“ gemacht hat, führt jetzt dazu, dass man sogar duschen darf. Wir revanchieren uns damit, dass wir ein opulentes Mittagessen bestelllen, von der Terrasse die schöne Landschaft genießend und an die schönen Tage denkend, die nun hinter uns liegen. Heinz ist schon zu neuen Steigen aufgebrochen - Meraner Höhenweg.

Wir vier nehmen den Bus nach Bozen und haben noch etwas Zeit für die Stadt. Dann geht es mit dem Zug nach München und dem Nachtzug nach Duisburg und schließlich nach Krefeld, Ankunft gegen 7 Uhr. 

Und Skat? Heute nicht.                

Hans Eiserfey

No Altitude
Trackstatistik: 
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