Hochtouren am Großvenediger (3662 m)


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06.07.2013- 13.07.2013

Die Anfahrt zu unserem Tourentreffpunkt, dem Matreier Tauernhaus, gestaltete sich umständlich, war doch die Galerie des Felbertauerntunnels auf der Tauerntal-Seite nach schwerem Bergrutsch auf ca. 100 m Länge nachhaltig zerstört. Dies hinderte die aus verschiedenen Himmelsrichtungen anreisenden Akteure keineswegs daran, eine in allen Aspekten wunderbare Tourenwoche unter der Leitung Rudi Rohns in Angriff zu nehmen.  ...weiterlesen

Auftakt

Nachdem alle Teilnehmer vom Niederrhein nach fast 1000 km Fahrt vollzählig am Treffpunkt auf 1512m angekommen waren, war die Wiedersehensfreude groß, kannten sich doch fast alle aus vorangehenden Touren oder von den gern besuchten Bergabenden im Landschaftspark. Gemeinsame Erlebnisse und Geschichten wurden rekapituliert, aber auch der von Rudi minutiös ausgearbeitete Tourenplan wurde angeregt diskutiert, wusste doch keiner so genau, was ihn während der anstehenden Woche technisch und konditionell erwarten würde.

Kurzum - die Vorfreude war groß und trotz langer Anfahrt ging der erste Abend nicht so schnell zu Ende.

Eingehtour und Hüttenaufstieg

Los ging es mit einer leichten aber spektakulären Tour im Virgen- bzw. Umbaltal. Auf einem schönen Wanderweg folgten wir dem 1. Wasserschaupfad Europas, dem „Natur-Kraft-Weg Umbalfälle“, entlang seiner wild tosenden Kataraktstufen. Hier stürzen sich die Wassermassen der Isel, die im höher gelegenen Umbaltal entspringt, über die gleichnamigen Wasserfälle in einem einzigartigen Naturschauspiel talabwärts. Die Isel ist heutzutage der größte frei fließende Gletscherfluss Österreichs und das erste Highlight auf unserer Tour, das von inspirierten Lesern keinesfalls ausgelassen werden sollte. Der Weg führte uns weiter bis zur Clarahütte auf 2038 m. Hier stießen wir auf eine tapfere Besatzung aus Essen, die trotz eigener Blessuren nicht nur Lawinenschäden reparierte und Umbauarbeiten am Gebäude durchführte, sondern auch gleichzeitig versuchte den Hüttenbetrieb so gut es eben ging aufrecht zu erhalten. Dieser Truppe zollten wir besonderen Respekt. Den Nachmittag verbrachten wir mit dem weniger aufregenden Aufstieg zur Johannishütte (2121 m) über das Dorfertal, unserer Unterkunft für die nächsten Tage. Auf dieser Strecke, die auch von Mountainbikern gerne befahren wird, steht ab Hinterbichl ein Hüttentaxi zur Verfügung.

 

„Basislager“ Johannishütte (2121 m)

Auf der gemütlichen Hütte angekommen, die eine der ältesten alpinen Schutzhütten der Ostalpen ist (seit 1857), bezogen wir zuerst unser Quartier und freuten uns ausgehungert auf das Abendessen. Wir sollten nicht enttäuscht werden. Die Küche verdiente sich während unseres Aufenthalts jeden Tag aufs Neue reihenweise Sterne, Kochlöffel, Mützen oder ähnliches. Darüber waren wir uns alle einig. Die Wirtsfamilie, vom „Nesthäkchen“ Carolin bis zum „Pater Familias“ Leonhard, kümmerte sich um alle Gäste mit vorzüglicher Freundlichkeit. Eine Unterkunft, die wir uneingeschränkt empfehlen können.

Tags darauf unternahmen wir die erste Höhenanpassungstour, die uns bis zum Gipfel der 3198 m hohen Zopetspitze führte. Dass dies mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden war, wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Von der Hütte aus liefen wir zunächst Richtung Osten, um auf dem Venediger Höhenweg (Nr. 929) bis auf ca. 2900m aufzusteigen. Da in dieser Saison sehr lange Schneefall herrschte, waren die Bedingungen deutlich erschwert. An dieser Stelle trennte sich die Gruppe. Zwei Teilnehmer entschieden sich an der Zopetscharte (2958 m), unweit der Aufstiegsroute zu warten, während der Rest der Gruppe, insgesamt vier Mann, den Aufstieg wagte. Die Blockkletterei, auf die wir bald stießen, war auf den ersten Blick wenig schwierig. Leider erwies sich dieser Eindruck als Irrtum, denn das vorhandene Gestein war stark brüchig, so dass jeder Schritt und Griff riskant war und wohlüberlegt gesetzt werden musste. Trotzdem wurde die Zopetspitze von der Gipfelgruppe glücklich erreicht. Auf Grund des instabilen steinigen Untergrunds war der nun folgende Abstieg stellenweise unkalkulierbar, so dass von einer Besteigung der Zopetspitze von Süden abzuraten ist. Wie an vielen anderen Stellen in den Alpen geben in den letzten Jahren aufgetaute Permafrostböden auch hier viel loses Gestein frei. Nach Wiedervereinigung der Gruppe an der Stelle, an der man sich getrennt hatte, ging es auf demselben Weg zurück zur Johannishütte.

Der nächste Tourentag brachte uns einen weiteren 3000er: Die Kreuzspitze (3155 m). Wurde die letzte Tour noch ohne Kletterutensilien angegangen, packten wir für diese Tour Klettergurt, Helm und Klettersteigset in unsere Rucksäcke. Der Weg führte von der Hütte wieder hinauf auf dem Venediger Höhenweg (929) Richtung Zopetscharte (2958 m), jedoch bogen wir im oberen Drittel des Weges auf ca. 2800m südlich auf den Weg 23 ab, der direkt auf die Tulpscharte (2948m) führt. Von dort ging es wieder in leichter Blockkletterei und über einen kleinen Schneegrat hoch auf die Kreuzspitze (3155 m). Wie schon weiter unten absehbar war, blieb das Gipfelpanorama leider von dichten Wolken verborgen. Ursprünglich war nun eine Überschreitung der Kreuzspitze in Richtung Schernerskopf (3033 m) und Tanzbodenkopf (2879 m) zur Roten Säule (2820 m) über den teilweise versicherten Gratstieg geplant. Diese Route stellt den westlichen Abschnitt der Sajatkronen-Tour dar, eine spektakuläre und nicht ganz einfache Gratroute über insgesamt sieben Gipfel, die sich in einem Halbkreis um das Sajatkar mit der Neue Sajathütte (2600 m) erstreckt. Leider erwiesen sich die im Gratbereich für diese Jahreszeit ungewöhnlich ausdehnten Schneefelder mangels Steigeisen für uns als zu rutschig, so dass die Tour an dieser Stelle abgebrochen werden musste. Wir traten also den Rückzug über unsere Aufstiegsroute bis zur Johannishütte über den mittlerweile wohlbekannten Venediger Höhenweg an.

Deutlich abwechslungsreicher und ausgedehnter erwies sich die Tour auf den mehrgipfeligen Großen Happ (3352 m), der hoch hinter der Johannishütte in den Himmel ragt. Der Weg dorthin führte über das Türmljoch (2772 m), das westlich der Hütte liegt und über den Adlerweg (Nr. 913) leicht erreichbar ist. Unmittelbar südlich des Jochs erhebt sich das 2844 m hohe Türml, das über den gleichnamigen Klettersteig bestiegen werden kann. Dieser wurde im Jahr 2001 von Venediger Bergführern eröffnet und führt in kurzer aber heftiger Kletterei mit maximalem Schwierigkeitsgrad C hinauf zu einem wunderbaren Aussichtspunkt über das Dorfer-und Maurertal. Unsere Marschroute verlief von dort auf gleicher Höhe weiter nordwestlich in Richtung des kleinen Geigers (2816 m), um nach Querung einiger Felsbänder wegelos nach Norden zum Großen Happ abzubiegen. Anfänglich konnten wir die aus dem Schnee herausragenden Geröllfelder gut ausnutzen, stießen aber bei Annäherung an den Gipfel auf hüfthohen Schnee, der in Kombination mit steilem Gelände den Aufstieg über die restlichen ca. 150 Höhenmeter sehr mühsam machte. Am Gipfel angekommen reichte die Zeit nur für ein paar hastige Bilder, denn die bereits am Vortag angekündigten Regenwolken rückten aus südwestlicher Richtung bedrohlich näher. 

Der absehbaren Dusche konnten wir auf dem Abstieg leider nicht mehr entkommen. Zum Glück hielt der Regen aber nicht lange an, so dass wir bei Ankunft an der Johannishütte bereits wieder trocken waren.

Höhenlager“ Defreggerhaus (2963 m)

Nach den nun absolvierten vier Touren, von denen uns drei über 3000m führten, fühlten sich alle Teilnehmer gut akklimatisiert und fit genug, die Königsetappe, den Großvendiger (3662 m), als krönenden Abschluss der Hochtourenwoche anzugehen. Dazu verlegten wir unser „Lager“ von der Johannishütte zum Defreggerhaus, in dem unsere Gruppe fast alleine im riesigen Matratzenlager unterkam. Insgesamt fasst die Hütte ca. 100 Bergsteiger und ist in der Hochsaison an den Wochenenden meist vollständig belegt. Wir waren froh, dass wir den Gipfel an einem Freitag angingen. Der Gipfeltag begann, wie gewohnt früh, so dass der Anseilpunkt für die Gletscherüberquerung bald nach Sonnenaufgang erreicht wurde. Dieser liegt etwas nördlich des Defreggerhaus Richtung Mullwitzaderl (3244 m) auf ca. 3040m. Von dort stiegen wir etwas hinab auf das Rainerkees und dann in einer sanften Steigung hoch auf den normalerweise sehr spaltenreichen Eisboden unterhalb des Rainerhorns. An diesem Tag waren zum Glück fast alle Spalten gut verschlossen und die, die sichtbar waren, konnten leicht überquert werden.

Der Aufstieg führte jetzt in gleißender Sonne weiter über einen steileren Gletscherabschnitt hoch zum Rainertörl auf 3421 m. Von diesem hochgelegenen Gletscherdach, das Hohe Aderl (3506 m) linker Hand, stiegen wir nun über den oberen Keesboden auf den kurzen Venedigergrat, auf dem wir nur noch wenige Meter vom Gipfel entfernt wegen Hochbetriebs doch noch einige Minuten warten mussten. Nachdem sich dieser Stau aufgelöst hatte konnten wir endlich den Gipfel betreten, wobei die Freude bei allen über den Gipfelsieg und den gelungenen Aufstieg groß war. Bei bestem Wetter und klarer Luft hatten wir nun einen grandiosen Weitblick in alle Himmelsrichtungen. Im Osten unübersehbar der Großglockner und die Granatspitzgruppe, im Norden die Kitzbühler Alpen und im Süden konnte man bis tief in die Dolomiten sehen.

 

 

 

Abstieg und Ausklang

Irgendwann musste dann doch der Rückweg angetreten werden und so stiegen wir wieder zum Rainertörl ab. Von dort ging es nochmal in einem kurzen Anstieg hoch zu unserem zweiten Gipfel des Tages, dem Rainerhorn (3559 m). Der Ausblick von hier hatte dem vom Großvenediger nichts mehr hinzuzufügen, so dass wir diesen Gipfel bald wieder verließen und der breiten Abstiegsspur unserer Vorgänger über das Rainerkees folgten. Wieder am Anseilplatz angekommen lösten wir die Seilschaft auf und stiegen weiter zum Defreggerhaus ab. Nach kurzer Pause ging es für die meisten der Teilnehmer in schnellem Marsch weiter bergab zur Johannishütte, während der Rest der Mannschaft später nachfolgte. Auf der Hütte angekommen bezogen wir nochmals das Bettenlager für die letzte Nacht und verbrachten einen herrlichen Spätnachmittag in praller Sonne auf der Hüttenterrasse. Insgesamt legten wir an diesem Tag im Aufstieg 850 Höhenmeter und im Abstieg 1670 Höhenmeter zurück. Auf der gut belegten Terrasse wurde die nasse Ausrüstung zum Trocknen aufgehängt, die leeren Kohlehydratspeicher wieder aufgefüllt und glücklich erschöpft ließen wir das zuvor Erlebte bei kühlen Bieren Revue passieren. So stellt man sich einen idealen Ausklang einer gelungenen Tour vor.

Dank

Die Hochtourenwoche war einfach traumhaft. Wir hatten Glück mit dem Wetter, die Unterkunft samt Verpflegung war bestens und die Stimmung war super. Für die Planung und souveräne Tourenführung möchte ich mich im Namen aller Teilnehmer bei Rudi Rohn herzlich bedanken und hoffe auf eine Fortsetzung in der nächste Saison.

Jan Malluche

 

 

 

 

No Altitude
Trackstatistik: 
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