Alpine Grundausbildung, Wiesbadener Hütte, Silvretta


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02.07.2011 - 09.07.2011

Wunschlos glücklich? Ein Tourenbericht

Alpine Grundausbildung Wiesbadener Hütte, Silvretta 2.7. bis 9.7.2011

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Samstag

Schon am 2.7. sind Roman, Tilo und Markus zur Bieler Höhe angereist. Wir drei wollen den freien Tag nutzen, um schon mal ein paar Meter zu laufen und uns zu akklimatisieren. Da die eigentliche Ausbildungswoche auf der Wiesbadener Hütte stattfinden soll, wollen wir diese auf einem Umweg ansteuern. Dazu schnüren wir am Parkplatz der Wiesbadener Hütte die Stiefel und machen uns auf den schönen Weg via Bieler Höhe zur Saarbrückner Hütte. Vorbei am Madlener Haus geht’s gemütlich hinauf zur Tschifernella Hochfläche. Recht kalt war es unterwegs, Sonne wechselte sich mit Graupel und Schneefall ab. Nach dem kurzen und knackigen Schlussanstieg kamen wir am frühen Nachmittag am ersten Etappenziel an. Die Saarbrückner Hütte ist schon an sich einen Besuch wert, Hochtourengeher können sich in der näheren Hüttenumgebung austoben. Das Schaustück direkt vor der Hüttenterrasse ist das Großlitzner/Seehorn Massiv.

Sonntag

Der folgende Tag hielt einen sehr abwechslungsreichen Weg für uns bereit. Zuerst ging es so gut wie Weglos über Geröll und harten Firn hinauf in den Litznersattel. Der Blick in das Herz der größtenteils vergletscherten „blauen Silvretta“ ist von hier aus absolut sehenswert. Dann wieder abwärts durch das steile Verhupftäli ins Klostertal. Vorbei am Silvrettasee ging es zum Sommerweg zur Wiesbadener Hütte. Mit jedem Schritt bergauf wurde der Piz Buin größer und mächtiger. Die Gipfel und Gletscherszenerie rings um die Wiesbadener Hütte sind immer wieder faszinierend. Und immerhin scheint das Wetter besser zu werden. Das lässt für den Rest der Woche hoffen. Während der ersten Weizenbiere trafen dann auch mit Thilo und Ralf die restlichen Mitglieder der Gruppe ein. Nun kann es richtig losgehen.

Bild 1: Roman,Tilo und Markus frisch versorgt von Andrea

Montag

Nach der ersten Nacht und einem guten Frühstück auf der Wiesbadener Hütte, machen wir uns an den Aufstieg Richtung Vermuntkopf. Nach wenigen Minuten verlassen wir den Weg und marschieren schnurstracks zu einem Geröllfeld unterhalb eines Hügels um dort unsere Trittsicherheit in weglosem Gelände zu prüfen und zu schulen. Nach einigen Übungen des Balancierens widmen wir uns kurzen, leichten Klettereien und der Seilkunde. Zum Abschluss dieser Übungs-Einheit begeben wir uns nochmals auf den Firn und üben das Gehen sowie Bremsen, sollte es doch mal jemanden von den Füßen holen. Nun beenden wir die Praxisübung mit einer Zwischenmahlzeit und setzen den Anstieg fort. Nach einem Steilstück im Firn und einem leichten Steig haben wir es geschafft.

Bild 2: Auf dem Vermuntkopf

Der Vermuntkopf mit 2.851m. Nach kurzen Telefonaten (da es sonst keinen Empfang gibt) und noch einem Einblick in die Orientierung mit Kompass und Karte, machen wir uns an den Abstieg wo bereits leckere Speisen und kühle Getränke auf uns warten.

Dienstag

Heute stand das Silvrettahorn auf dem Programm, eine formschöne Pyramide, die ständig von der Sonnenterasse der Wiesbadener Hütte zu sehen ist. Nach dem Frühstück machten wir uns gegen halb sieben auf den Weg. Zunächst stiegen wir südwärts den Ausläufern des Vermuntgletschers entgegen. Vor diesem querten wir einige Gletscherbäche und stiegen empor in Richtung der Grünen Kuppe, 2579 m hoch gelegen, die noch überquert wurde, bevor wir am Fuß des Ochsentaler Gletschers ankamen. Hier legten wir unsere Steigeisen an, wurden von Markus in die Technik des Steigeisengehens eingewiesen und machten uns weiter auf den Weg. Es bot sich geradezu an, die Steigeisentechnik hier zu vertiefen. So konnte das Erlernte auf dem Weg zum Gipfel des Silvrettahorns weiter geübt werden.

Bild 3: Der Ochsentaler Gletscher – Der Eisbruch im Morgenlicht

Der Weg am spaltenreichen Gletscherbruch vorbei und weiter in die obere Region des Ochsentaler Gletschers war für Gletscherneulinge schon beeindruckend, zumal ständig der Gipfelaufbau des Piz Buin in unserem Blickfeld zu sehen war. Roman als heutiger Seilschaftsführer machte seine Sache prima, das Tempo war gut gewählt und gleichbleibend. Eine andere Seilschaft, die zum Piz Buin wollte, ließen wir nun links liegen. Wir bogen scharf nach rechts und stiegen der Egghornlücke entgegen. Von hier hat man einen tollen Blick über den Silvrettagletscher zur gleichnamigen Hütte und ins Engadin hinein. Nach kurzer Rast entschieden wir uns, den Gipfelgrat in Angriff zu nehmen. Die Rucksäcke ließen wir bei der Egghornlücke zurück. Die letzten knapp 200 HM führen zunächst durch Geröll und anschließend ausgesetzt am Grat entlang in leichter Kletterei zum Gipfelkreuz des Silvrettahorns, 3244 m hoch.

Bild 4: Am Gipfelkreuz des Silvrettahorns

Ein Eintrag ins Gipfelbuch war natürlich Pflicht. Die Aussicht war grandios, alle bedeutenden Gipfel der Zentralsilvretta sowie in Richtung Engadin waren zu erkennen. Mit zunehmender Verweildauer wurde die Sicht etwas schlechter und wir machten uns auf dem Rückweg. Auf dem Gletscher wurde noch einmal das Steigeisengehen vertieft und so hatten wir uns alle nach der Rückkehr zur Hütte ein paar Bier verdient. Diese brachte uns die liebe „Andrea“, eine Slowakin, die es verstand, die ganze Sonnenterasse zu unterhalten. Das kann man gar nicht so richtig beschreiben, man muss es einfach selbst erlebt haben.

Mittwoch

Den heutigen Tag gingen wir ruhig an. Markus hatte praktische Übungen im Umfeld der Hütte angesetzt und wir konnten uns daher am Morgen Zeit lassen. Ein zur Hütte gehörender Klettergarten diente uns als Übungsfeld für das Abseilen mit dem klassischen Abseilachter oder Tube und dem Prusikknoten als Sicherung. Der Prusik spielte auch bei der nächsten Einheit eine wichtige Rolle, der Selbstrettung aus der Gletscherspalte. Dafür mussten wir ein paar Meter den Fels  hochprusiken und dann das letzte Stück mit Hilfe von Flaschenzug, Gardaklemme und  Prusikmodul überwinden. Am Nachmittag zogen wir in voller Montur zu einem Schneefeld, um die Abläufe der Spaltenbergung kennenzulernen und anzuwenden.

Bild 5: Spaltenbergung (ohne Spalte)

Markus überzeugte uns, dass ein in den Firn vergrabener Pickel als T-Anker eine sichere Sache ist und gebraucht wird, wenn bei einer Dreier- Seilschaft der erste in einer Spalte versinkt. Dieses wurde nun geübt: mit lautem Gebrüll rannte der erste der Seilschaft das schräge Schneefeld nach unten, bis sich das Seil spannte und nun die anderen beiden mehr oder weniger mitriss. Die mussten sich nun ihrerseits in den Schnee werfen und den Pickel neben sich in den Schnee rammen, um die Schussfahrt nach unten zu stoppen. Während der erste der Seilschaft so tat, als ob er in der Spalte hing und mit seinem ganzen Gewicht an dem Seil zog, mussten die anderen beiden nach der Selbstsicherung und Stabilisierung mit Hilfe des T-Ankers einen Flaschenzug, diesmal mit Rolle, bauen und den Ersten  zu sich heranziehen. Jeder war mal mit allen Positionen dran, entsprechend oft haben wir die Übung zur Freude der auf der Sonnenterrasse der Hütte sitzenden Gästen mit viel Einsatz und Kraftanstrengung wiederholt. Seinen Ausklang fand der Tag mit einer Einführung in die Wetterkunde.

Donnerstag

Bild 6: Auf dem Vermuntferner bei Sonnenaufgang

Unser heutiges Ziel ist der höchste Gipfel der Silvretta, der Piz Buin (3312m). Bereits am Vorabend wurde der Tourenverlauf mit Hilfe der AV Karte errechnet. Bei recht mäßigem Wetter brechen wir um 7 Uhr von der Hütte über den einfachen Moränenweg Richtung Süden (Vermuntpaß) auf. Nach etwa einer ¾ Std. erreichen wir das flache Gletscherbecken des Vermuntgletschers. Nachdem wir unseren Gurt und die Steigeisen angelegt haben queren wir den flachen Gletscher nun Richtung Westen. In ansteigendem weichen Firn erreichen wir den Einstieg zum Fels des Wiesbadener Grätle .  Der Übergang von Firn in den Fels stellt mit zunehmendem Gletscherschwund die Schlüsselstelle des Aufstiegs dar, diese ist mit einem wenig Vertrauen erweckendem Fixseil entschärft. An diesem Tag sind wir die Einzigen im Aufstieg, bei Hochbetrieb kann es zu Wartezeiten und vor allem Steinschlag kommen. Thilo und Markus übernehmen abwechselnd den Vorstieg.

  

Bilder 7,8: Unterwegs im Wiesbadener Grätle

Nach dem Standplatzbau klettern dann die anderen Teilnehmer gesichert zum Vorsteiger nach. In leichter Kletterei erreichen wir in 5 Seillängen die Gratscharte . Dort oben ist es lausig kalt, mittlerweile regnet es und die Wolken bedecken die umliegenden Berggipfel.  Von der Scharte aus seilen wir uns nacheinander auf den Ochsentaler Gletscher ab. Nachdem wir alle auf dem Gletscher sind, können wir jedoch erkennen, dass man ebenso unschwierig von der Grathöhe aus nach links über sandiges Felsgelände auf den Gletscher absteigen kann. Aufgrund des schlechten Wetters entscheiden wir uns gegen einen weiteren Aufstieg über den Gletscher zur Buinlücke und den von dort beginnenden Gipfelaufstieg. Somit steigen wir über den Ochsentaler Gletscher in guten 2 Stunden zurück zur Wiesbadener Hütte ab. Dort wartet bereits Andrea und freut sich, uns wieder versorgen zu dürfen.

Freitag

Der heutige Tag war als Reservetag gedacht. Aufgrund der Wetterlage schied die Besteigung eines Berges jedoch aus. Wir entschieden uns für den Gletscherbruch des Ochsentaler Gletschers. An diesem waren wir nun schon mehrfach vorbeigelaufen und hatten die Dimensionen nur aus gesicherter Entfernung erkannt. Markus meinte, er habe noch die ein oder andere Idee, was wir im Gletscherbruch unternehmen könnten. Als wir schließlich dort ankamen, wurde uns bald klar, war Markus damit meinte.

Bild 9: Die Seilschaft im Gletscherbruch

Das Gehen auf Blankeis zwischen den zum Teil gewaltigen Spalten mit ständigem Blick in irgendein „dunkles“ Loch hat sicherlich seinen Reiz. Weiterhin haben wir noch gelernt, wie Standplätze im Eis gebaut werden. Und wir übten uns im Filmen von Eisklettern aus einer Spalte heraus. Schon beeindruckend, wie die Frontalzacken und die Pickelhauen eine Person im Eis halten können. Nach einem schweißtreibenden Tag kehrten wir schließlich durstig zur Hütte zurück und vernahmen natürlich schon bald wieder die Stimme unserer „Andrea“. Sie wusste natürlich sofort, wer was trank – schließlich waren wir schon fast eine ganze Woche hier oben. Nun wurde aber auch allen klar, dass die Woche am nächsten Tag zu Ende geht. Wir alle hatten eine äußerst lehrreiche, spannende, actionreiche und spaßige Woche in der Silvretta. Das lag nicht nur an unserem Tourenleiter Markus, sondern auch an uns selbst. Wir haben uns prima verstanden, viel miteinander gelacht und hoffen, dass wir noch viele Tourenwochen gleicher Art erleben werden. An dieser Stelle bedanken wir uns noch einmal herzlich bei Markus für die gute Vorbereitung und Durchführung der Woche „Alpine Grundausbildung“ – eine Ausbildungswoche, die für jeden wichtig ist, der sich selbständig in hochalpines Gelände begeben möchte. Wir wünschen Markus weiterhin viel Erfolg bei seinen Touren.

 

Thilo, Tilo, Roman, Ralf und Markus

No Altitude
Trackstatistik: 
0.00Km

Standort

Standort:
Wiesbadener Hütte
Österreich
46° 52' 5.0016" N, 10° 6' 56.9988" E