Hochtour in der Silvretta - Sechs Dreitausender, mit Besteigung des Piz Buin


Untertitel: 
12.07.2009 - 18.07.2009

Hochtour in der Silvretta

Sechs Dreitausender in der Silvretta mit Besteigung des Piz Buin (3312 m)

12. - 18. Juli 2009

Sechs Dreitausender in der Silvretta in nur fünf Tagen, so stand der Wellnessurlaub vom Autor Hubert im Reisekatalog des DAV Krefeld. Ob uns das wirklich gelingen sollte? Und überhaupt, wo war nach stundenlangem Wandern, Steigeisen an- und ausziehen, Hüftgeschirr anlegen und Knoten basteln Wellness zu erwarten? Ich war ehrlich gesagt sehr gespannt, wie das denn nun alles klappen sollte. Aber wie heißt es doch so schön, wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und so wartete ich gespannt am Sonntagmorgen in Memmingen auf die Wandertruppe aus Krefeld, die mich dort mit dem gemieteten Kleinbus abholen wollte.
»Mein« Taxi mit Martin, Jürgen, Trudi, Karl und Hubert kam pünktlich und schon nach kurzer Vorstellungsrunde und Koffeinstärkung ging's schnell weiter zur Bielerhöhe, wo dann auch schon Markus auf uns wartete. Nun waren wir komplett. Ein äußerst gesprächiger österreichischer Rennfahrer fuhr uns dann schon bald bequem zur Jamtalhütte, unserem »4-Sterne-Hotel« für die nächsten drei Tage (an dieser Stelle noch mal ein Dank an alle, dass ich vorne sitzen durfte).

Ruck zuck wurden die Zimmer bezogen, wahlweise mit oder ohne nächtlichem Konzert, Wanderschuhe an und schon hieß es rauf auf den Berg. Schnell noch 'ne Akklimatisierungstour, dünne Luft schnuppern, Schneegehen und -fallen trainieren, sich ans brave Verhalten auf Schneefeldern erinnern, nebenbei aber auch dank Karl Blümlein links und rechts gucken und schon ging's wieder im Schnellgalopp runter zur Hütte zum HP-Essen (das sinnentnehmende Lesen von E-Mails scheint in luftigen 2165 m Höhe nämlich etwas schwierig zu sein). Nun ja, was sollen wir sagen, es hat geschmeckt und das ist ja auch gut so, Speckabbau kann schließlich auch noch die nächsten Abende betrieben werden. Den Abend verbrachten wir, nachdem Knotenkenntnisse und Flaschenzügen noch einmal praktisch in Erinnerung gerufen wurden, mit einem mehr oder weniger lustigen Steigeisenbastelspiel. Wer hätte gedacht, dass man mit Schuhgröße 39 so extrem »kleine« Füße hat, dass die geliehenen Eisen nicht passen???? Auch wenn die Männer all ihr technisches Können und logisches Denken einsetzten, es war unmöglich. Also wurde fröhlich hin und her getauscht, von Jürgen zu Martin, von Martin zu mir und schließlich wieder von mir zu Jürgen. Was lernen wir also daraus, Steigeisen immer komplett vorher anprobieren und nicht nur auf das Schnürsystem achten!

Vor dem Aufstieg zu den Jamspitzen (3156 m)Nun aber schnell ins Bett, 22 Uhr ist Hüttenruhe; schlafen, aufstehen, frühstücken, ein! Lunchbrot schmieren, Wanderschuhe schnüren, Stöcke feststellen, Rucksäcke schultern und ganz wichtig: mit Sonnencreme eincremen! Bevor es nun richtig losgeht, noch mal kurz innegehalten und noch einmal zurück zur Katalogbeschreibung dieses Urlaubs. Sechs Dreitausender in fünf Tagen. Würden wir heute Abend zwei geschafft haben? Geplant waren heute die Vordere (3178 m) und Hintere (3156 m) Jamspitze. Wer weiß, was der Tag so bringen wird? Also nicht lange überlegen, los geht's. Und so stiefelten wir los, zu unserer ersten Dreitausenderbesteigung. Ich dachte ja immer, ich hätte schon viel Fantasie, aber dass unsere erste Tour so traumhaft schön werden würde, hätte ich nie gedacht. Klar blauer Himmel, Sonnenschein, glitzernder Schnee, Stille ... ein unbeschreiblicher Ausblick so weit das Auge reicht.

Da ist es dann auch nicht so tragisch, wenn aufgrund einer langer Schuttrinne und bedingter Steinschlafgefahr am Gipfelkreuz der Hinteren Jamspitze einstimmig beschlossen wird, wieder zur Jamtalhütte abzusteigen und nicht mehr zur Vorderen Jamspitze rüber zu gehen. Und so stießen wir schon wenig später - warum geht's bergab eigentlich immer so viel schneller voran als bergauf? - auf der Sonnenterrasse mit kühlem Bier auf unseren ersten Dreitausender an. Was ein herrliches Gefühl!

Dienstagmorgen ging es dann nach unserem wieder sehr reichhaltigen Frühstück, diesmal auch zur richtigen Zeit, Kommunikation untereinander ist schließlich manchmal für die Gäste von Vorteil, um 7.30 Uhr ins Bergsteigervergnügen. Geplant waren sowohl die Nördliche (3228 m) als auch die Südliche Augstenspitze (3225 m) über die Scharte Fuorcla Chalaus (3003 m) zu erklimmen. Doch schon bald war die Suche nach Plan B gefragt, denn die eigentliche Scharte war wegen des vielen Steinschlags nicht begehbar. Also Karte und Fernglas raus, Berge begucken, beratschlagen, neue Wege suchen und natürlich auch finden. Aufstieg also zur verdienten Kuddelpause, oder wie hieß dieser Krefelder Wellnesseinschub noch?. Oben angekommen gab's einen herrlichen Ausblick und wie gesagt die erste Wellness. Nebenbei wurde die weitere Tour neu geplant, da die beiden Augstenspitzen im Nebel verschwunden waren und außerdem jetzt der Weg dorthin doch viel zu weit war. Also neuer Plan: Über den Vadret da Chalaus zum Piz Urschai (3097 m). Wer bis dato geglaubt hat, seinem Eispickel nur auf dem Rücken tragend die schöne Landschaft zeigen zu können, der wurde nun eines besseren belehrt. Auf allen vieren ging's, mit all unserem kompletten Material - nicht wahr Martin? -, steil bergab. Am Fuße von Piz »Uschi« bzw. »Trudi« gab's dann die nächste Planänderung, denn die vorderen Aufstiegsbänder waren verschwunden. Dazu kam Steinschlag soweit das Auge reicht. Etwas skeptisch aber durchaus optimistisch ging's dann im Vierfüßlergang über einen schmale Schneebrücke über den Bergschrund zur höheren Gemsscharte (3068 m). Da es hier kein Gipfelkreuz gab (ich erinnere hier noch einmal an unser Wochenziel), rutschten wir schon bald kontrolliert, jedoch in der A-Note noch etwas verbesserungswürdig, den Geröllabhang hinab. Das nächste Gipfelkreuz vor Augen stampften wir nun im Gleichschritt über den Jamtalferner zum Gipfelgrat der Gemsspitze (3114 m) und somit Dreitausender Nr. 2. Mit welch einem unglaublich schönen Rundumblick, bei strahlendem Sonnenschein versteht sich, wir belohnt wurden! Ich hätte stundenlang dort oben sitzen bleiben können. Aber irgendwann hieß es leider doch, Abstieg und zurück zu Trudi. Das kühle Bier, Radler oder Skiwasser warteten.

Mittwoch morgen hieß es dann all unsere Siebensachen packen und über den Jamtalferner und Vermuntgletscher auf zur Wiesbadener Hütte (2443 m). Und auf dem Weg dorthin kurz dem Gipfelkreuz der Dreiländerspitze (3197 m) »Hallo«" sagen - so dachten wir auf jeden Fall am Mittwoch morgen. Doch kurz vorm Ziel, das Kreuz war mit etwa 50 Höhenmeter Entfernung zum Greifen nah, mussten wir wegen des schlechten Wetters und nassglattem Fels die Tour abbrechen. Schade, aber aus Vernunfts- und Sicherheitsgründen leider nicht anders zu machen. Nachdem wir uns also zum Vermuntgletscher wieder abgeseilt hatten, machte es irgendwo Klick, die Sonne kam raus als ob nichts gewesen wäre. Als kleine Entschädigung eröffnete sich nun vor uns ein Übungsfeld zur Spaltenbergung wie es im Buche steht. Also Rucksäcke ab und im Gleichmarsch mit den Holländern Een, Twee, Dree gerufen. Wer kann lauter brüllen? Nachdem wir alle einmal »Hans guck in die Luft« (Spaltensturz) spielen durften ging's nass geschwitzt einige Übungsstunden später zu unserem neuen Schlafdomizil bergab. Auch wenn heute kein neuer Dreitausender auf unsere Liste hinzugekommen ist, so war's doch ein äußerst erlebnisreicher Tag. Apropos »Hallo sagen«. Mir fällt bei diesem Tag noch etwas sehr wichtiges ein: die Kommunikationsmöglichkeiten innerhalb einer Seilschaft gilt es in Zukunft stark zu verbessern. Es muss möglich sein, seinen Gefühlen freien Lauf lassen zu können - ich sage nur »Gipfelkreuz« —, ohne dass es zu Missverständnissen und gar Stehenbleiben und lauter Fragezeichen in den Gesichtern kommt. Wer diesbezüglich eine Idee hat, melde sich bitte bei mir. Zurück also zur Wiesbadener Hütte. Es ist inzwischen also Mittwochabend und der Große Piz Buin (3312 m) steht für den nächsten Tag auf dem Programm. Die Wettervorhersage verspricht herrlichsten Sonnenschein.
Gefrühstückt wird also noch früher als sonst, so dass wir am Donnerstagmorgen bereits um 7.00 Uhr bei klar blauem Himmel losmarschieren. Pünktlich zur Mittagszeit gab's in völliger Abgeschiedenheit, nach dem Gipfelbucheintrag und dem verabredeten Gruß zu Trudi auf dem Hohen Rad, lecker Grillwürstchen und kühles Bier im Sonnenstuhl. Besonderer Dank hier noch einmal an Hubert für die Organisation. Schnell die heiße Asche im Schnee vergraben, keiner hat was gesehen, und wieder runter zum Fuß des großen Bergmassivs.

Was jedoch tun, mit so einem angebrochenen Tag? Sollen wir Nr. 4, das Silvrettahorn (3244 m) noch angehen? Es wurde vielleicht ein bisschen zu lange überlegt und gekuddelt. Schließlich war es zu spät für Nr. 4. Wer verzichtet auch gerne auf sein Abendessen - was aber nicht heißt, dass man zur Hütte zurückgeht. Was will man auch schon um 14.00 Uhr da machen? Da bekanntlich in jedem Mann ein kleines Kind steckt und Kinder gerne spielen, hielten wir am blanken Gletscherausläufer des Aufstiegs zum Silvrettahorns an. Und wie fingen da die Augen meiner Mitwanderer an zu leuchten, war etwa schon Weihnachten? Pickel zücken, Eisschrauben drehen, Karabiner klicken, Seil einhängen, vorsteigen und Waden trainieren im 50-75 Grad steilem Eis. Tja, wer ein richtiger Eiskletterer sein will, der muss da durch. Beim anschließenden Seilschaftswettrennen gegen zwei holländische Mannschaften zurück zur Wiesbadener Hütte hätten wir fast noch gewonnen, wenn nicht kurz vorm Ziel Karl sein rechtes Steigeisen verloren hätte. Naja, man kann eben nicht alles haben. Dafür gab's abends ein, zwei oder waren es doch drei leckere Jagertee?! Nebenbei die Planung des letzten, morgigen Wandertages und dafür noch einmal zur Erinnerung das Wochenziel »Sechs Dreitausender in fünf Tagen«. Unsere bisherige Bilanz sagte uns, wir haben drei und es fehlen noch drei! Was sollen wir also tun? Wer auch immer diesen Satz »und die letzte Zahl heißt drei« erfunden hat, dem sei gesagt, wir haben uns dran gehalten. Als es nämlich am Freitagmorgen bereits beim Frühstück draußen zu tröpfeln anfing und der Hüttenwirt sagte, dass eine Kaltfront mit Gewitter und starkem Dauerregen im Anmarsch ist bzw. schon da ist, beschlossen wir die Sammlung unserer Dreitausender an dieser Stelle zu beenden und dank Karls Idee bereits heute schon den Abstieg zurück zur Bielerhöhe anzutreten, um in wunderbaren elf langen Stunden - auch hier noch einmal ein besonderer Dank an unsere beiden Superfahrer Jürgen und Martin — von einem Stau zum nächsten nach Hause zu fahren. Auch wenn wir unser Wochenziel nicht erreicht haben, so war es doch ein rundum super schöner Urlaub, der mir noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Alena
 

No Altitude
Trackstatistik: 
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