Zillertaler Alpen - BerlinerHöhenweg
23.7.-30.7.2004
I
Im Tal zum Schlegeisspeicher am Gasthaus Breitlahner fing unsere Tour »Zillertaler
Alpen« an.
Die erste Übernachtung im wunderschönen, gastlichen Breitlahner sollte uns die Einstimmung auf unseren Weg bringen. Das Wetter spielte mit und die Stimmung war gut.
Weit oberhalb des Gasthauses beginnt für unsere 10köpfige Gruppe der Berliner Höhenweg. Auf dem wohl bekanntesten und anspruchvollsten Höhenweg Tirols lässt sich der Zillertaler Hauptkamm von Mayrhofen aus in etwa einer Woche durchwandern.
Wer hier als trittsicherer und schwindelfreier Weitwanderer unterwegs ist, erlebt die Bergnatur mit allen Sinnen. Unser erstes Ziel, das Friesenberghaus
(2477 m), ist mit dem Einstiegstag erreicht. 1400 Höhenmeter, bei starker Hitze und schwerem Rucksack, lässt das Radler literweise laufen.
Ein leichter Anstieg und schon geht es bergab an der Olperer Hütte vorbei zum Schlegeisspeicher. Auf gut ausgebauter Forststraße gehen wir am See vorbei und nun liegen ca. 500 m Anstieg vor uns. Die Wirtsleute auf dem Furtschaglhaus sind echte
von Nepal und Tibet begeisterte Wanderer. Die Bänke und Stühle sind ausgelegt mit handgeknüpften Teppichen und wie jedes Jahr, so wollen sie auch dieses Jahr wieder nach Tibet. Übrigens arbeitet ein tibetischer junger Mann in der Hütte und verkauft auch handgefertigte Waren.
Zur Berliner Hütte (2042 m) kommt man vom Schlegeisgrund nur über die mit einigen Drahtseilen versicherte Scharte am Schönbichler Horn
(3033 m). Dieser Gipfel lässt sich so nebenbei mitnehmen, was einige von unserer Gruppe auch machten. Somit hat man als Weitwanderer auch einen Dreitausender erstiegen. Auf der Denkmal geschützten Berliner Hütte erhalten wir müden Wanderer unter hölzernen Kronleuchtern ein üppiges Abendmahl im edlen Dämmer des berühmten holzgetäfelten Speisesalons. Alpinisten jeglicher Couleur geben sich ein Stelldichein, vom Gletscherneuling bis zum erfahrenen Hochtourengeher mit wettergegerbtem Nussknackergesicht, vom einsamen Wolf bis zur fröhlichen lachenden Wandergruppe.
Beim steilen Aufstieg über die Mörchenscharte (2872 m) und den ebenfalls drahtseilversicherten , sehr steilen Abstieg zur Greizer Hütte, machten sich die Mitwanderer, Annemarie, Ursula, Silvia, Ria, Siggi, Erich, Peter, Hans und unser starker Neuling Andreas Gedanken über den Sinn des Bergwanderns. Aber in der Greizer Hütte, bei leckerem Essen und Trinken waren alle Anstrengungen vergessen.
Oberhalb der Greizer Hütte fallen die Plattenpanzer des Gigalitzturms (2500 m) in den Durchbruch der Lapenscharte ab. Hier führt der Berliner Höhenweg teils recht ausgesetzt, über Wasserfälle und vielen Schneefeldern weiter zur Kasseler Hütte.
Ab der Kasseler Hütte beginnt der letzte Abschnitt des Höhenweges. Der aus ehemaligen Jäger- und Schafsteigen bestehende
»Siebenschneidensteig« schwingt sich in 2200 - 2400 m Höhe über dem Stillupgrund größtenteils durch Wiesenwannen.
Dazwischen allerdings, muss man, wie der Name schon sagt, sieben Grate kreuzen, zwei davon über leichte Klettersteige und zwei mit ausgesetzten Querungen.
Diese 8,5stündige Tagesetappe über ein mit viel Grobschutt »gesegnetes« Hochgebirge, war wohl die schwerste Etappe.
Die Edelhütte, als günstigste, aber auch schlechteste Hütte auf unserem Berliner Höhenweg, bildete den Abschluss einer schweren, vielstündigen aber jederzeit wieder lohnenden Hochtour durch die Zillertaler Alpen.
Den Abstieg nach Mayrhofen ließen wir langsam angehen und genehmigten uns noch eine ausgiebige Rast in der
»Alpenrose«.
Heinz Braun
Wanderleiter
II
»Jetzt atme mal tief durch«, sagt Wanderleiter Achim. »Ich habe noch Luft«,
erwidere ich. »Nicht wegen deiner Kondition, sondern damit du die Anspannung los wirst.«
Der Mann hat Recht. Er hat mir angesehen, was ich selbst gar nicht bemerkt
habe. Also hole ich tief Luft, atme aus
und merke, wie sich die Spannung löst.
Wir stehen etwas unterhalb des Schönbichler Horns (3134 m), und ich habe
gerade den ersten Klettersteig meines
Lebens hinter mich gebracht. Ich bin
der Frischling auf dieser Höhenwanderung und mache eigentlich alles zum ersten Mal. Über Blockfelder von Stein zu
Stein hüpfen, in Hütten »auf Lager«
schlafen, durch Regen und Schnee über
nicht nur ausgesetzte, sondern auch
reichlich schmale Gebirgswege gehen.
Das Schönbichler Horn war der Gipfelpunkt unserer Tour, und dass ich da mit
allen Vieren in einer Wand herumkraxeln werde - Seilversicherung hin oder
her -, hatte ich mir vorher so nicht vorgestellt.
Unsere Gruppe besteht zunächst aus
acht Männern und zwei Frauen. Ein älterer Herr gibt am zweiten Tag auf, ein
jüngerer Kollege aus Belgien muss am
vorletzten Tag wegen Knieproblemen
passen. Insgesamt erweist sich die
Gruppe schnell als gut harmonierendes
Team.
Im wesentlichen folgen wir bei der
Wanderung dem Berliner Höhenweg.
Von Finkenberg aus geht's am ersten
Tag zur Gamshütte hinauf, dann zum
Friesenberghaus, dann zum Furtschagl
haus, dann zur Berliner Hütte, dann zur
Greizer Hütte, dann zur Kasseler Hütte
und von dort am vorletzten Tag zur
Edelhütte. Am letzten Tag »schweben«
wir dann mit der Seilbahn nach Mayrhofen hinunter, wo der Zug auf uns
wartet.
Wir sind in der dritten Septemberwoche unterwegs, und das Wetter entspricht leider nicht durchweg dem, was
wir uns auf der Hinfahrt mit dem Stichwort »Indian Summer« herbeizureden
hofften. Gleich bei der Wanderung
zum Friesenberghaus müssen wir fast
sechs Stunden durch Regen marschieren. Da sind weder die abschüssigen
Wiesenhänge mit ihren schmalen Pfaden noch die Blockfelder mit ihren
glitschigen Blöcken angenehm zu gehen. Während der Wanderung von der
Greizer zur Kasseler Hütte stecken wir
die gesamte Zeit in den Wolken, und es
liegt Schnee. Die Schneefallgrenze war
da auf 2100 m gesunken.
Aber wir haben auch zwei ausgesprochen schöne Tage. Unser Aufstieg vom
Furtschaglhaus zum Schönbichler
Horn beginnt schon imposant. Die
Morgensonne legt sich golden auf den
Schlegeiskees im Südwesten der Hütte.
Und während unser zweiter Wanderleiter Norbert uns auf dem Horn ins Gipfelbuch einträgt, präsentiert sich im
Westen immer noch der Schlegeiskees in
strahlendem Sonnenschein, im Osten
blicken wir auf den Waxeggkees, und
gen Norden reicht der Blick weit ins Tal
hinab. Dann schießen auf einmal Wolken über die Grate im Süden und senken sich auf unserer Seite hinunter. Da
heißt es: weitergehen. Kurz nach unserer Ankunft in der Berliner Hütte setzt
Regen ein.
Der folgende Tag läuft dann leider
nicht wie geplant. Das schlechte Wetter
hat sich festgesetzt. Am Vorabend habe
ich in der Gruppe als Frischling mein
Veto dagegen eingereicht, dass wir am
nächsten Tag eine ähnlich schwierige
Überquerung wie über das Schönbichler Horn bei schlechtem Wetter wagen.
Das schien mir bei meiner Unerfahrenheit dann doch zu heikel. Auch dem
Kollegen, der später mit Knieproblemen aufgeben wird, behagt die Vorstellung nicht, mit allen Vieren in einer
Wand zu hängen, wenn diese nass ist.
Die Gruppe beugt sich unseren Bedenken ohne Murren, dies sicherlich auch
eine meiner guten Erfahrungen auf dieser Wanderung. Und so machen wir
dann am nächsten Tag einen Umweg
durchs Tal.
Die Greizer Hütte gehört zu den kleineren Hütten auf unserer Tour, die
Gruppe ist sich schnell einig, dass dies
unsere Lieblingshütte bis dahin ist. Das
liegt einfach an der Herzlichkeit der
Hüttenwirte. Alles ist verwinkelt verbaut, jeder Zentimeter wird genutzt, da
ähnelt die Greizer den anderen Hütten. Aber die Kraft freundlicher Worte
und netten Verhaltens machen den
Aufenthalt ausgesprochen angenehm.
Wie unwohl fühlten wir uns da noch am
Tag zuvor auf der Berliner Hütte. Der
haushohe Speisesaal mit Holzvertäfelung und Kronleuchter konnte einfach
nicht wettmachen, dass das Personal
kaum Notiz von uns nahm. Die Greizer
Hütte bleibt dann bis zum Ende unsere
Lieblingshütte, auch wenn sie der Startpunkt für unsere Schneewanderung
wurde.
Der Regen auf dem Weg zum Friesenberghaus war, wie sich herausstellen
sollte, wesentlich unangenehmer als der
Schnee zwischen Greizer und Kasseler
Hütte. Es ist kalt, aber wir und unsere
Sachen bleiben im wesentlichen
trocken, unser Gehtempo müssen wir
halt den anderen Bedingungen anpassen. Auch auf dieser Wanderung gibt es
wieder versicherte Passagen, aber jetzt
bin ich schon fast daran gewöhnt, auch
wenn ich mir sicher immer noch nicht
wie ein alter Berghase vorkomme. Ganz
im Gegenteil. Für mich ist es eine neue
Erfahrung, dass aber auch wirklich jeder Schritt bewusst gesetzt werden
muss. Dass man entweder geht oder
schaut, dass also beides zusammen
nicht geht. Dass die Konzentrationsleistung genau so hoch anzusetzen ist wie
die Muskelarbeit beim Bewältigen der
vielen Höhenmeter und so weiter. Ich
sehe erfahrene Bergwanderer schmunzeln, wenn sie das lesen.
Man ist jedenfalls gezwungenermaßen
ganz im Hier und Jetzt, das verlangt die
Umwelt einem in den Bergen einfach
ab. Und paradoxerweise ist das sicher
auch der erholendste Aspekt für mich
an dieser Wanderung, von deren körperlichen »Strapazen« - ich sage nur
Blasen - ich mich noch anderthalb Wochen hinterher kurieren muss. An meine Heimatstadt Krefeld und meine
lieben Mitbürger dort, an meine Arbeit
oder an andere übliche Dinge habe ich
jedenfalls in der Woche im Zillertal keine Sekunde lang gedacht.
Unser zweiter durchgehend schöner
Tag ist unser letzter Wandertag. Neuneinhalb Stunden lang sind wir zwischen
Kasseler und Edelhütte unterwegs. Es
ist körperlich wieder sehr anstrengend,
der Siebenschneidensteig verlangt, sieben Rücken zu übersteigen, die dazwischenliegenden Kare müssen meist
weiträumig ausgegangen werden. Es
müssen wieder mehrere Blockfelder gequert werden, und drei Klettersteige
gehören zum Pensum. Am Ende bin
ich wirklich froh, als wir die Zielhütte
zum ersten Mal sichten.
Doch was für grandiose Ausblicke unter strahlend blauem Himmel haben wir
an diesem Tag wieder erleben dürfen.
Alle Mühen haben sich dafür gelohnt,
und ich bin mir inzwischen sicher, die
Alpen werden mich wiedersehen.
Klaus M. Schmidt
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