Tourenwoche Hohe Tauern
20.7.-26.7.2003
An einem sonnigen Sonntag Morgen startete unsere große Rundtour durch die Ankogelgruppe unter Leitung von Rudi Rohn. Mit von der Partie waren Hubert Asemann, Roland Krengel, Norbert Lenzen, Hagen Neumann und Horst Schäfer. Vom Treffpunkt in Mallnitz (1185 m) führte der Anstieg entlang des klaren Tauernbaches über Wiesen und Waldabschnitte zunächst zur Jamnig Hütte (2446 m), die aufgrund des heißen und windstillen Wetters zu einer Pause einlud. Der weitere Aufstieg führte oberhalb der Baumgrenze auf einem holprigen Weg über viele Kehren zur Hagener Hütte (2446 m), die auf einem flachen Sattel liegt und von dem sich ein weiter Rundblick bietet. Neben der Hütte befindet sich eine Bronzescheibe, auf der die umliegenden Bergkonturen mit den Namen und Höhenangaben eingraviert sind, so dass wir bis zur Dämmerung die Berge am Horizont identifizieren konnten. Aufgrund von Stromproblemen verbrachten wir den Abend in der Hütte bei Kerzenlicht.
Am nächsten Morgen brachen wir auf dem Göttinger Weg zum Hannoverhaus auf. Auf der Karte verlief der lange Weg auf nahezu gleichbleibender Höhe, aber er erwies sich durch viele Taleinschnitte und ein ständiges Auf und Ab mit häufiger Blockkletterei in der prallen Sonne als sehr ermüdend. Der Weg führte vorbei an der unbewirtschafteten Mindener Hütte und dem kleinen Tauernsee, der zu einem eiskalten Bad einlud. Das Hannoverhaus war schon sehr früh zu sehen, aber nach jeder Kehre schien es nicht näher kommen zu wollen. Der letzte steile Anstieg führte an der Endstation der Ankogelbahn vorbei auf die Anhöhe des Hannoverhauses (2721 m), die auf der Rückseite steil ins Gasteiner Tal abfällt. Nach Westen zeigt sich von hier der Großglockner und das Wiesbachhorn, nach Osten der Ankogel und nach Süden die imposante Wand zwischen Hochalmspitze und Säuleck. Kurz nach unserer Ankunft kam ein heftiges Gewitter auf und aufgrund eines Blitzeinschlages verbrachten wir den Abend in der Hütte wieder im Kerzenlicht. Leider waren hierdurch auch die Pumpen für die Wasserversorgung ausgefallen, so dass weder Trink- noch Waschwasser vorhanden war.
Am nächsten Morgen war das Wetter wieder aufgeklart und wir stiegen über das Lassacher Kees zunächst zum Kleinen Ankogel (3088 m) auf. Über dem Ankogelgipfel tauchte ein Polizei-Hubschrauber auf, der den gesamten Gipfelbereich längere Zeit über unseren Köpfen absuchte, da ein Bergsteiger am Tag zuvor von der Osnabrücker Hütte losgegangen aber am Abend nicht mehr zurückgekehrt war. Er hatte den Ankogel überschritten und war zum Hannoverhaus abgestiegen, das aber wegen des Stromausfalls telefonisch nicht zu erreichen war. Über einen Grat führte uns der Weg vom kleinen Ankogel mit leichter Kletterei steil zum Ankogelgipfel (3250 m) hinauf. Nach einer kurzen Gipfelpause kletterten wir über den schmalen und ausgesetzten Gipfelgrat auf der anderen Seite zum Kleinelendkees ab. Nachdem wir die Steigeisen angelegt und uns ins Seil angebunden hatten, stiegen wir über den schneebedeckten Gletscher ab. An einer breiten Randspalte legten wir eine Übung zur Spaltenbergung ein, wobei sich Rudi Rohn in die Randkluft fallen ließ und Hubert Asemann mit uns die einzelnen Schritte einübte. Am nächsten Grat legten wir die Steigeisen ab und ließen den Anblick auf den türkisfarbenen Oberen und Unteren Schwarzhornsee auf uns wirken. Nach der nächsten Kehre kamen wir jedoch nochmals auf einen kurzen Gletscher mit einem steilen Blankeisfeld, so dass wir die Steigeisen nochmals anlegen und die Steilpassage vorsichtig queren mussten. Der weitere Abstieg ging zunächst über einen mit Steinplatten gut angelegten Weg und etwas tiefer über blumenbewachsene Grashänge vorbei an dem hohen, mit großem Getöse in die Tiefe stürzenden Fallbach-Wasserfall. An der Osnabrücker Hütte (2022 m) führten wir am Abend noch mehrere Übungen zum Spaltenbergen durch, wobei jeder Teilnehmer die unterschiedlichen Positionen einer Dreiergruppe am Seil einnahm.
Durch das Großelendtal stiegen wir am nächsten Morgen über eine Gletschermoräne zum ausgeaperten Großelendkees auf. Nach der Querung des Gletschers erreichten wir die Preimlscharte (2953 m), die entgegen den Angaben des Hüttenwirtes nicht mehr mit Schnee gefüllt war, sondern nur noch aus Steinschutt auf darunter liegendem Eis bestand. Nur sehr mühsam konnten wir die Scharte mit den ständig abrutschenden Steinen überwinden, wobei in dem steilen Gelände auch die Gefahr des Abgangs größerer Steinbrocken bestand. Nach der Überquerung der Scharte wollten wir über das Hochalmkees unterhalb des Elendkopfgrates auf die Hochalmspitze (3346 m) aufsteigen. Von Norden waren jedoch dunkle Wolken aufgezogen und hatten den Gipfelbereich bereits eingehüllt. Gleichzeitig kündigte sich von Ferne ein Gewitter an, so dass wir uns die Besteigung des Gipfels aus dem Kopf schlugen und den Hochalmkees in Richtung der Scharte neben den Steinernen Mannln (3123 m) überqueren wollten. Die in der Karte eingezeichnete Gletscherroute erwies sich aber als nicht mehr gangbar, da der Gletscher mittlerweile stark ausgeapert und mit vielen Spalten übersät war. So kamen wir im südlichen Bereich des Gletschers in ein Spaltenlabyrinth, in dem die Schneebrücken aufgeweicht waren, was zur Folge hatte, dass zwei Mitglieder unserer Gruppe fünfmal in Spalten stürzten. Auch die breiten Randklüfte des Gletschers schienen unüberwindbar, so dass wir auf dem Gletscher bis hundert Meter unter den Gipfel aufsteigen mussten, um eine überquerbare Randkluft zu finden. Am Rand eines Felsgrates, von dem steiles Blankeis zur Randkluft führte, gelangten wir mit Hilfe einer selbst gelegten Seilsicherung zu den Steinernen Mannln, wo ein seilversicherter Steig zum Trippkees hinunterführte. Inzwischen hatte uns das Gewitter erreicht und wir versuchten möglichst schnell abzusteigen. Das Trippkees erwies sich aber als sehr steil, so dass wir uns mit zwei 60 Meter langen Halbseilen abseilen mussten. Über Blockgelände und einzelne Schneefelder führte der Rudolstädter Weg dann hinunter zur Gießener Hütte (2203 m).
Da der letzte Tag der Tour als Reservetag geplant war, entschieden wir uns noch einen Tag länger zu bleiben und einen erneuten Gipfelversuch auf die Hochalmspitze zu unternehmen. Auf dem Schwarzburger Weg stiegen wir zur Lassacher Winkelscharte (2862 m) auf und folgten dem markierten Steig über einfaches Blockgelände bis zur Winkelspitze (3119 m). Um den Gipfel der Hochalmspitze zogen sich jedoch schon sehr früh wieder dunkle Wolken zusammen und begannen sich langsam abzusenken. Eine Zweier-Seilschaft, die vor uns auf dem von steilem Eis begrenzten Detmolder Grat war, brach den Gipfelversuch ab, nachdem einer der beiden Bergsteiger am Seil ca. 30 m über die Eisflanke bis kurz vor die Randkluft abgerutscht war. Da die Wetterbedingungen sich weiter verschlechterten, der weitere Weg sehr schwierig aussah und uns der Hüttenwirt vor einer Überquerung des oberen Tripkees gewarnt hatte, traten auch wir den Rückweg an. In der Nacht kam ein stürmisches Unwetter auf, so dass wir den überfüllten Schlafraum nicht lüften konnten, in dem viele Soldaten während einer Bergübung des Militärs übernachteten.
Am nächsten Morgen begrüßte uns wieder sonniges Wetter, jedoch blies noch ein kräftiger Wind und von Norden her schoben sich ständig Wolken heran, die sich aber am Grat zwischen Hochalmspitze und Säuleck auflösten. Über den Schwarzburger Weg führte der Anstieg wieder hinauf zum Detmolder Steig, auf dem man entlang des Grates in westlicher Richtung zunächst auf die Schneewinkelspitze (3015 m) gelangt. Der Steig führt teilweise sehr ausgesetzt und in einigen Abschnitten auch mit Seilsicherungen versehen über die Gussenbauerspitze (2977 m) weiter auf das Säuleck (3086 m), von dem sich ein herrliches Panorama bietet. Der Abstieg zog sich sehr lang über ausgedehntes Blockgelände hin und man erblickte schon von weitem den Dösener See, an dem das Arthur-von-Schmid Haus (2272 m) liegt. Die Versorgung der Hütte erfolgt zweimal pro Woche mit einem Haflinger, der vor der Hütte weidete. Da die Hütte von einer Turbine mit Strom versorgt wird, freuten wir uns auf eine heiße Dusche und konnten abends die in Mitleidenschaft gezogenen Füße versorgen.
Der Abstieg am folgenden Tag führte entlang des kristallklaren Dösenbachs durch ein sehr schönes Alpental über Wiesen und durch Wälder zu unserem Ausgangspunkt nach Mallnitz zurück. Erfüllt von vielen Eindrücken aber auch etwas erschöpft von dem zum Teil anspruchsvollen Weg konnten wir auf eine erlebnisreiche Woche zurückblicken, die besonders durch die gute Kameradschaft während der Tour geprägt war. Gemeinsam fuhr die gesamte Gruppe noch mit dem Zug von Mallnitz durch den Tunnel nach Böckstein, wo wir in kleineren Gruppen den Heimweg antraten.
Juli 2003
Weiterführende Informationen zur Region Dachstein-Tauern.
Das Thema Tauern begegnet uns auch im
Vortrag am 16. November 2003.