Sella - Marmolata - Tofanen

2. September. Um 3.00 Uhr treffen wir uns bei Lothar. Auch Wilfried ist fast pünktlich. Wir verstauen unsere Bergklamotten und in sehr zügiger Fahrt geht's bis Füssen. Wir fahren über den Fernpass und den Brenner in die Dolomiten. Bei schönem Ausflugswetter können wir die Landschaft genießen bis zum Grödnerjoch. Auf dem Parkplatz an der Passstraße ziehen wir uns um, stärken uns noch mit heimischen Nusskuchen und beginnen um 15.20 Uhr die Ferrata Brigata Tridentina, besser bekannt unter Pisciadu-Klettersteig. Das Wetter ist abwechselnd sonnig und bewölkt, aber beständig. Als Aufgalopp verlangt uns der Steig mit den vollbepackten Rucksäcken einiges ab. Über eine glatte Wand, mit Drahtseilen, Klammern und Stiften gesichert, geht es an einem Wasserfall vorbei. Erst hier setzt der Steig in der Ostwand des Exnerturmes seine ausgesetzte, anspruchsvolle Route fest. Schließlich endet sie an einer luftigen Hängebrücke über einen tiefen Felsspalt hinüber zum Terrassenband der Sella. Nun noch ein kurzer Aufstieg über Schrofen und die Pisciadu-Hütte (2583 m) ist erreicht. Gott sei Dank sind die Lager vorbestellt - die Bude ist voll! Nach diesem anstrengenden Tag ist frühe Nachtruhe angesagt und wir träumen von den geplanten Touren. Ich träumte von einem Gewitter - aber wahrscheinlich war das nur der eine Schnarcher im Lager.

3. September. Gegen 7.00 Uhr weckt uns allgemeines Rumoren in der Hütte; die Sonne lacht und geschneit hat es auch etwas. Es ist einfach eine Superaussicht bei der beginnenden Sellaüberschreitung. Die zwei Stunden bis zum Rifugio Boé (2873 m) vergehen wie im Flug! Nach kurzer Rast geht es bis zur Pordoischarte. Es folgt der Abstieg durch die steile Scharte bis zum Pordoijoch. Vor dort steigen wir direkt wieder auf Richtung Bindelweg, auch Via del Pan genannt. Im Rifugio Sasso Beccie stärken wir uns bei Bier, Grappa und Spaghetti. Auf dem weiteren Weg mit herrlichem Bfick auf die Königin der Dolomiten, der Marmolata (3343 m), melden sich langsam Wilfrieds lädierte Knie - aber er hat noch Kraft für einen Umweg beim Abstieg zum Fedäiasee. Er geht den ausgeschilderten leichteren Weg. Karl und ich den schwierigeren Weg. Dieser erweist sich als erheblich kürzer und ist im übrigen kein bisschen schwer. Der leichtere Weg geht nur noch einmal an einer Hütte vorbei. Aber um 16.00 Uhr haben wir es geschafft. Wir haben unser Etappenziel, das Rifugio Casteglioni (2054 m) am Fedájasee erreicht. Das vorbestellte Zimmer haben wir alleine und es erweist sich als sehr geräumig. Betten mit frischen Bezügen, eine (von zwei) funktionierende Dusche, Halbpenison sind wir überhaupt noch auf einer Hütte? Nach einem anstrengenden Tag gehen wir früh ins Bett. Wilfried ist einigermaßen erschöpft und kündigt einen Ruhetag an. Wer glaubt denn so etwas?! Es ist doch die »Königsetappe« geplant - Mamolata! Lothar war ja schon einmal oben und kündigt an, dass er Wilfried dann wohl bis an sein Lebensende davon erzählen würde. Damit kann man nicht leben, auch Wilfried nicht.

4. September. Unser Frühstück bekommen wir durch die morgenmuffelige Hüttenwirtin. Aber das kann uns nicht stören! Dafür gibt es so etwas wie ein Frühstücksbuffet: Käse und Schinken; Kaffee so viel wir wollen. Das Wetter macht uns etwas unentschlossen. Wolken, Sonne - reicht das für eine Marmolata-Besteigung? Am Nebentisch plant eine Gruppe mit Bergführer ebenfalls den Aufstieg. Das Wetter soll stabil bleiben. Also brechen wir voller Spannung auf über die Staumauer Richtung Lift Pian die Fiacconi. Mit diesem Tönnchenlift sparen wir uns etwa 500 m unschönen Aufstieg. Den Weg 606 queren wir und steigen, zuletzt recht steil, über den Vernel-Gletscher bis zum Einstieg des Klettersteiges an der Marmolatascharte. Da der Schnee so früh am Morgen noch schön griffig ist, kommen wir ohne Steigeisen gut voran. Der Steinschlag auf dem Gletscher macht uns etwas Sorgen. Aber mit Umsicht geht es voran. Am Einstieg ziehen wir uns unsere Kletterausrüstung an und haben dabei Glück, wiederholtem Steinschlag zu entgehen. Schon der Einstieg in den Klettersteig des Westgrates liegt bei 2910 m. Erste Klammerreihen führen uns an alten Kriegsstellungen aus dem 1. Weltkrieg vorbei. Über Leitern und Stahlstiften geht es über die glatten Plattenschüsse und schmalen Bänder. Dieser sogenannte »Seyffert-Weg« bleibt meist auf der Nordseite des Grates. Bei unserer Begehung sind einige Stellen vereist, was die Sache teilweise ein wenig heikel macht. Spuren zeigen uns, dass Bergkameraden vor uns schon mit Steigeisen geklettert sind. Wir gehen jedoch noch ohne weiter. Ausser einem kleinen Ausrutscher von Karl - halb so schlimm ging es gut; er hat bei dieser unfreiwilligen Einlage seine Sonnenbrille verloren! Bei einer Höhe von etwa 3150 m erreichen wir das Eis des Marmolatagletschers. Durch etwas Neuschnee der Vortage ist der Gletscher jedoch mit den zwischenzeitlich angelegten Steigeisen sehr gut zu meistern. Um 13.30 Uhr erreichen wir die kleine Schutzhütte Capanna Punta Penia auf dem Scheitel der Marmolata! Geschafft!
Wir fühlen uns stolz. Leider spielt das Wetter nicht so richtig mit. Nebel zieht auf. Also wärmen wir uns erst einmal in der Hütte auf. Nach relativ kurzer Rast ziehen wir die Steigeisen wieder an, seilen uns zusammen und nutzen den Moment, wo der Himmel die Sonne wieder hervorläßt. Über die gut sichtbare Spur gehen wir über den Firngrat bis zu einer Felsrinne, die wieder ohne Steigeisen und ungesichert gemeistert werden muss. Jetzt folgt wieder der Übergang auf den Gletscher und wir ziehen vorsichtig über einige Spalten abwärts. Das Wetter hat sich wieder gefestigt und so gehen wir freudig erregt in Richtung Pian die Fiacconi. Da oben waren wir gerade! Gegen 17.00 Uhr erreichen wir die Station und fahren hinunter zum Fedäiasee. Wir sind bester Stimmung und verbringen bei gutem Essen, Rotwein und Urappa einen schönen Abend. 
5. September. Wir wollen an sich mit dem Bus nach Cortina d'Ampezzo. Eine solche Verbindung gibt es gar nicht. Also nach Canazei und von dort zum Sellajoch. Karl trampt, um das Auto zu holen. Freundliche Italiener bringen ihn bis zum Parkplatz. Es geht Richtung Cortina. Wir fahren mit dem Sessellift zur Mittelstation und gehen bis zum Rifugio Pomedes (2340 m). Die Hütte scheint sehr teuer zu sein - duschen 8000 Lire, nein danke!. Wir bekommen ein Lager, schon wieder mit Bettlaken warum um Himmelswillen schleppen wir bloß die Schlafsäcke mit?
6. September. Es ist strahlender Sonnenschein. Also brechen wir auf zur Ferrata Olivieri - Punta Anna (2731 m). Vom Rifugio Pomedes müssen wir nur eine halbe Stunde zum Steig ansteigen. Die Punta Anna ist ein imposanter Blickfang; ihr exponierter Südgrat trägt den Klettersteig; ein wunderschöner sportlicher Steig. Es geht ohne künstliche Griffe und Tritte, nur durch ein Drahtseil gesichert, die 300 Höhenmeter in senkrechtem Fels hinauf. Es gibt teilweise schwindelnde Tiefblicke. Oben angekommen ergibt sich ein herrlicher Rast- und Aussichtsplatz. Wir haben einen tollen Rundblick auf die Tofanen, Marmolata u. a. Es folgt nun noch ein kurzer Aufstieg bis zum Grat des dritten Pomedestum. In einer Höhe von 2850 m zweigen wir auf den Sentiero Olivieri Richtung Ra Valles ab. Bei dem einstündigen Abstieg haben wir das Glück, auf einem Schotterfeld abwärts »gleiten« zu können. Wir genießen den Sonnenschein. Was geht es uns gut! Der Steig Richtung Pomedeshätte überrascht noch durch einige schöne Kletterpassagen.

7. September. Am Morgen Nebel und Regen. Also können wir die geplante Tour auf der Ferrata Dibona vergessen. Was soll's!? Es wird noch weitere Bergwochen geben. Wir bezahlen - die an sich teure Hütte erweist sich als wirklich günstig!!! - und fahren Richtung Bozen. Auf einmal wandelt sich das Wetter und es gibt wieder Sonnenschein. Auf dem Grödnerjoch beschließen Karl und Lothar noch eine Besteigung anzugehen: Cirspitze V. Wilfried schont sein Knie und belastet dafür seinen Magen mit Bier und Apfelstrudel.
Der kurze Klettersteig geht über Eisenleitern und fest verankerte Drahtseile durch die steile Wand. Eine luftige Kletterei. Von der Spitze haben wir noch einmal einen wunderschönen Rundblick.
Es geht nach Bozen. Dort ist schnell ein Hotel gefunden; nach einer Dusche schlendern wir durch die Stadt. Abends gehen wir noch recht gut essen und lassen den Abend bei Bier und Grappa in einer wirklich gemütlichen Hausbrauerei ausklingen. Es war wohl nicht verkehrt, dass es gegen 1.00 Uhr nichts mehr gab. Wir hatten so viel zu erzählen und Durst . . .

8. September. Nach dem Frühstück geht es in recht schneller Fahrt Richtung Heimat. Eine wieder wunderbare Bergwoche geht zu Ende!

Lothar, September 2000


 
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