Kletterfahrten 2004 

»Kennst du das Land...

   ... wo die Zitronen blühen ...?«
   Unten am Meer, am Rande des ligurischen Apennin, in Finale, hängen sie im März noch an den Bäumen. Unsere Fahrt in ein bekanntes unbekanntes Land endet in den rotbraunen Felsen von Finalborgo. Ein Kletterparadies - versteht sich!
   Überall auf den Bergspitzen Festungen, Burgen und mittelalterliche Schlösser, in einer Anzahl und Dichte, die offensichtlich auf die blutigsten Zeiten der militärischen, politischen und religiösen Auseinandersetzungen hinweisen.
   Da wir jeden Tag an einem anderen Felsmassiv klettern, finden wir immer wieder Höhlen und respektable Felsplateaus mit deutlichen Zeichen der sogenannten Megalithiker. Eine bemerkenswerte natürliche Schönheit mit einem milden Klima und einer schon fast tropischen Vegetation erhöhen die Leidensfähigkeit in dem manchmal »messerscharfen« Kalkstein. Hier begegnen wir Kletterern aus ganz Europa. Vor allem aber Sachsen, immer wieder elbsandsteinerprobte mutige Sachsen in den Überhängen am Monte Cucco.
   Um halbfünf dann erwacht die Piazza in Finalborgo. Da sind wir mit einem Cappucino dabei, wenn die »Bleichgesichter« mit ihren zerschundenen »weißen« Händen in die Großfamilie der Italiener eintauchen. Mitten drinn - »Cafe Centrale« - das andere Kletterparadfies. Bildstöcke, Kapellen, Kirchen, Klöster und das alte Theater aus dem 18. Jahrhundert erinnern an eine Zeit der Frömmigkeit und des Geistes.
   Was in unserem Gedächtnis bleibt, ist der heutige besondere Charakter: Hier die vielen (modernen) Kletterer in den Felsen und dort die alten Fassaden und religiösen Symbole, verwoben zu einem Geflecht, das wir »Leben« nennen.

 

Klettertrip nach Kalymnos

Klettern auf Kalymnos   Bereits auf der Fähre von Kos nach Pothia (Ostägäis) spüren wir das Kribbeln in den Fingern, als wir die Felskulisse (10 - 15 km lang und nur wenige Meter vom Meer entfernt) sehen.
   Kalyrnnos ist eine kleine von zwei bewohnten dodekanischen Inseln. Wilde Gipfel, Fjorde, Strände und die wechselnden Farben des Meeres verleihen der Insel ein ständig gegensätzliches Gesicht.
   Die »Huber-Buben«, die »Remy-Brüder« (und wie die »Granaten« alle heißen) haben hier schon ihre Spuren hinterlassen. Klettern in Südfrankreich sei altmodisch, meint Serge zu uns, ein »8a-Rotterdamer«. Robert Bechern, die Galionsfigur der Eifelkletterer, ist auch wieder mit seiner Frau hier. (Er wird [und will wohl keinen natürlichen Tod sterben?) Viele Bergführer aus den Alpen, die hier ihre Form von der Winterzur Sommersaison stabilisieren, balancieren in den unglaublich schwierigen Routen der Grande Grotta.
   Steile Wandklettereien an Tropflöchern sowie athletische Routen an den Sintersäulen charakterisieren den Fels, den wir täglich durch einen »Gewürzgarten« wandernd, schmerz- und lustvoll erleben.
   Die Überraschung ist aber, dass eine Krefelderin (Birgit Möller) unweit der Felsen ihr »Climbers« Nest« betreibt Es ist ziemlich sicher, dass sie von diesem kleinen Kletterlädchen nicht leben kann. Wer aber fragt hier schon nach Nützlichkeit, selbst der überwiegende Teil der Kalymner nicht. Wo der Verstand nur rechnet, schrumpft das Denken, das Leben und das Klettern. Früher lebten die Bewohner vom Schwammtauchen, heute auch (ein wenig) von den Kletterern. Die Vegetation ist weitgehend baumlos. so dass durch die enge Verknüpfung von Geologie und Biologie eine Kräutervielfalt gedeiht, aus der der in ganz Griechenland geschätzte Honig seinen Geschmack bezieht.
   Was bleibt, ist eine geheime Liebe mit der Empfindung: Wenn du hier einmal eine ***-Route geklettert hast, bist du nicht mehr derselbe.

Gebührender Respekt und - ewig anziehend

   Es gehört zur alpinen Mythologie, dem »Monarchen« von Zeit zu Zeit die Ehre zu erweisen.
   Obwohl die Firnverhältnisse exzellent waren, hat er mir diesmal weh getan (weniger wahrscheinlich Günter, Hagen, Stefan und Rudi). Doch wir alle haben ihn letztlich »weggesteckt«; hatte doch die vorherige Überschreitung des Dômes de Miage beachtliches Engagement gefordert. Äußerst steile Flanken und Grate - und das bei immer wieder kehrenden Nebelaufzügen - waren (und sind) keine zweitrangige Herausforderung, falls es im Mont-Blanc-Massiv so etwas überhaupt gibt. 
   Was wir sonst noch vorhatten und was noch zu tun bleibt, ist die Tréla-Tête-Überschreitung. Jetzt lag der Einstieg in die Nordwestflanke vor uns im dichten Nebel.
   Welcher Eindruck bleibt? - Es waren u. a. bei unserer Abfahrt die Sturmwolken über der Aiguille Verte: eine durchsichtige Haube aus Eiswolken, schnell drehend mit Spektralfarben von violett bis hellgrün. - Ein Naturwunder, das haftet!
   Da sage noch einer, der »liebe Gott« sei kein Bergsteiger (gewesen).

Johannes Seidel


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