Zweimal Ötztal
Erlebnisbericht Ötztal
Am 7. Juni 2007 trafen wir uns um 14:00 Uhr unter dem Motto »Vom Wanderer zum Klettersteiggeher« in Längenfeld im Ötztal. Wir das waren: Angelika, die Sicherheitsbewusste; Bernhard, der Klettersteigführer; Hans, der Besonnene; Ingrid mit dem Flachmann; Klaus, der Chronist; Michael, der Geoutete; Rainer, der hüpfende Sänger; Richard, der Musikus und Simone mit dem schweren Rucksack - eine »gut-optimale« Truppe. An diesem Donnerstag erfolgte eine erste Einführung in die Kletterkunde im Klettergarten Oberried.
Neben theoretischen Kenntnissen wurden leichte praktische Übungen durchgeführt, die Vertrauen in das Material schaffen sollten. Für den praktischen Teil wurde an die alte Bergsteigerweisheit »kleine Schritte große Freude, große Schritte kleine Freude« erinnert. Da wir an den folgenden Tagen viel Freude hatten, müssen unsere Schritte sehr klein gewesen sein.
Entsetzen packte uns an diesem Abend, als ein Teilnehmer als Nicht-DAV-Mitglied geoutet wurde. Dies entfachte einen Missionseifer in uns acht. Hier sind wir hoffnungsfroh, dass unser Eifer mit einer neuen Mitgliedschaft für die Sektion Krefeld belohnt wird. Am Freitag stand unser erster Klettersteig auf dem Programm. Hierzu fuhren wir zum Lehner-Wasserfall. Für diejenigen, die zum ersten Mal einen Klettersteig gehen, ist dies eine optimale Erschließung der Bergwelt aus einer anderen Sicht. Der Steig hat einen
überschaubaren Schwierigkeitsgrad und wird gepaart mit einer grandiosen Bergatmosphäre. Wenn man den Wasserfall nicht direkt im Blickfeld hat, hört man sein wildes Rauschen.
Oben angekommen beglückwünschten wir uns alle und nach einem kurzen Pausenbrot griff der Musikus zu seiner Mundharmonika und gab ein Liedchen zum Besten. Unser begleitender Gesang war zwar nicht der mit-reißenste, doch reichte er, um den Wettergott für die nächsten Tage versöhnlich zu stimmen.
Jetzt wurde unser Motto umgekehrt und es hieß »vom Kettersteiggeher zum Bergwanderer«. Die 500 Hm zur Stabele Alm überwanden wir in dem Bewusstsein, aufgrund der Jahreszeit noch keine Bewirtung anzutreffen. Wir wurden angenehm überrascht und der Inhalt unseres Flachmanns geschont.
Obwohl die Wirtsleute mit Renovierungen beschäftigt waren, durften wir Tisch und Bänke benutzten. Kurz darauf brachte die Wirtin eine Runde Marillenbrand auf Kosten des Hauses und die dann erfolgte Bestellung wurde auch nur zum Selbstkostenpreis abgerechnet. Die selbstlose Gastfreundschaft hält die Erinnerung an diesen Ort besonders wach.
Über die Wurzburgalm mit Kaiserschmarrn und Kuchen steuerten wir wieder Längenfeld an. Ein wunderschöner Tag ging mit Tiroler Käse und Wurstspezialitäten und einem Gläschen Wein zu Ende.
Unser dritter Tag führte uns zum Klettergarten Moosalm nach Sölden. Hier wurden weitere Seilkunde- und Kletterübungen vorgenommen. Ein zugehöriger Klettersteig hatte eine giftige Passage, die schon eine weitere und höhere Herausforderung darstellte. Die anschließende Suche nach einem Kaffee in Obergurgel gestaltete sich langwieriger als angenommen. Diejenigen, die noch zum Timmels-joch wollten, mussten sich diesmal damit zufrieden geben, zu mindestens das Hinweisschild auf das Joch gelesen zu haben.
Am Sonntag stand der Reinhard Schiestl Steig an der Burgstein-Wand als Höhepunkt und krönender Abschluss auf unserem Programm. Der Steig überwindet 200 Hm an einer senkrechten Wand, das heißt, man hat sehr viel Luft unter den Sohlen. Die zuvor gesammelten Erfahrungen mit einer kontinuierlichen Steigerung der Anforderungen erwiesen sich als optimale Voraussetzungen für die Begehung.
Für die, die diese Herausforderung geschafft haben, war es eine tolle Selbstbestätigung der eigenen Leistungsfähigkeit. Und für die anderen das Erkennen von Grenzen. Beides zu wissen, ist enorm wichtig.
Oben angekommen lag Wehmut über einem fantastischen Bergpanorama. Der Abschied stand bevor. Hierzu suchten wir uns ein schönes Plätzchen. Nach einem abschließenden Liedchen bei strahlend blauem Himmel mit vereinzelt kleinen Cumuluswöl-kchen wurde aufgebrochen und die Heimreise angetreten.
Klaus Schumeckers
Ötztal optimal
oder
wie das Klettern des Müllers Lust wurde
Vom 7. bis 10. Juni trafen wir - mit Kursleitung sechs Männer und drei Frauen im Alter von 35 bis 69 Jahren - uns im Ötztal zum Kurs »Vom Bergwanderer zum Klettersteiggeher«, der von Bernhard Braun geleitet wurde, unterstützt durch Simone Hess. Die Unterkunft im Landhaus Falkner in Längenfeld war perfekt und, obwohl zentral, sehr ruhig gelegen - nur einmal im Jahr an Fronleichnam werden morgens um sechs Uhr zahlreiche Böller gleich um die Ecke abgefeuert. So wurden die Teilnehmer, die schon am Vorabend
angereist waren, rechtzeitig geweckt, um die prächtige Fronleichnamsprozession anzuschauen oder auch ein Stück mit zu wallen. Los ging's zu Vorübungen im Klettergarten an den Felsen westlich von Längenfeld. Dort reihten wir uns in eine bunte Szene ein und Familien mit Kind und Kegel machten uns vor wie es geht: mit Hilfe der vor Ort geliehenen Kletterschuhe lernten wir unter Bernhards und Simones Anleitung kleinste Vorsprünge im Stein zu nutzen, richtig anzutreten, Gewicht zu verlagern, statt zu ziehen auch mal
zu stützen, Partner am Seil zu sichern ... und dass kleine Schritte große Freude bringen.
Am ersten Nachmittag hing von den Gewitterschauern der Vortage noch etwas Dunst im Tal, aber wir verputzten am Abend im Hirschen Knödel und Tagliatelle, Schweinshaxen und Lebergulasch so gründlich, dass das Wetter an den folgenden Tagen nur immer besser wurde. Am nächsten Morgen waren wir die Ersten am Jubiläumsklettersteig Lehner Wasserfall. Über einen knackigen, senkrechten Einstieg führte uns das schöne, dicke, gut gespannte Stahlseil an der nördlichen Kante des Geländeeinschnitts hinauf zur Querung über eine
große Platte, immer mit Aussicht auf den prachtvollen Wasserfall und über den weiten, grünen Längenfelder Talboden.
Anfangs hatten wir gelegentlich noch Mühe mit der neuen Fortbewegungsart - mit kleinen Schritten hochstemmen und mit gestreckten Armen halten - unsere Lehrer unterstützten uns geduldig korrigierend. Doch wir gewannen zunehmend Freude an den neuen Möglichkeiten und der wunderschönen Route. Perfekt war's, als bei einer Zwischenrast auf einem bequemen Absatz Richard seine Mundharmonika zückte und wir ein schönes Lied fanden: »Das Wandern ist des Müllers Lust«! Das Wandern? Das Klettersteiggehen!!
Und nach dem Klettersteig ging es zügig auf die Alm, 400 m höher, wo die Alpenrosen gerade anfangen zu blühen und die Schmelzwasserbäche wie weiße Silberstreifen über die grünen Matten ziehen. Die Stabelelealm der Familie Gstrein hat zwar noch nicht offen, aber einen Willkommensschluck gab's trotzdem bei der netten Wirtin und Radler und Apfelsaftschor-le für den großen Durst (zum konkurrenzlosen Pauschalpreis) auch. Nicht einmal zwei Stunden brauchten wir bis zur Wurzenalm, wo der Kaiserschmarrn und das Käsebrot
schon auf uns warteten.
Daheim im Haus Falkner haben wir noch ein schmackhaftes Abendessen zusammengetragen und in gemütlicher Runde sogar noch ein Stündchen theoretischen Unterricht geschafft. Für den dritten Tag stand der Klettergarten mit Klettersteig an der Moosalm bei Sölden auf dem Programm. Etwas abgelegen und ziemlich naturbelassen zog die abwechslungsreiche 60-m-Felswand doch noch zahlreiche andere Besucher an. In zwei Gruppen absolvierten wir sowohl Kletterübungen als auch den Klettersteig, der zwar nur 80 Meter kurz ist aber
an der Schlüsselstelle Einzelne erzittern ließ. Ausgiebige Technikübungen ließen die Zeit wie im Flug vergehen und so beschlossen wir, ohne »Zwischenwanderung« direkt zum Kaffeetrinken und Durstlöschen in Obergurgel überzugehen. Lokalkulinarisches gönnten wir uns dann wieder zurück in Längenfeld im bewährten Traditionsgasthof Zum Hirschen. Wie der Ober aus Montenegro sagte: »Alles gut? Optimal. Ja!«. Sischer dat - Ötztal optimal eben. Ob jemand von uns in dieser letzten Nacht unruhig schlief, ist nicht bekannt.
Früh gefrühstückt und alle Rucksäcke schon gepackt, mit ernsten Gesichtern oder kämpferischen Sprüchen auf den Lippen, zogen wir zum südlichen Ortsausgang, um die Gesellenprüfung zu machen: den »Reinhard-Schiestl-Klettersteig« am Burgstein.
Wir verrenken uns die Hälse, um die ganze Höhe der senkrechten Wand über der Talgrundstraße zu erfassen. Ja, alles was wir schon kennen, kommt jetzt, und noch was »für den Kopf« dazu: ausgesetzt, ausgesetzt, ausgesetzt zieht der 300 m lange Sportklettersteig durch die Burgsteinwand. Er soll an den Ötztaler Spitzenkletterer erinnern und zählt mit seiner kühnen Linienführung zu den Klassikern Tirols. Viermal wird der Schwierigkeitsgrad D erreicht. Unter sicherer Führung von Bernhard und Simone meistern 4 von 7
Lehrlingen den Aufstieg und treffen mit leuchtenden Augen jauchzend oben auf der Wiese ein.
Die anderen drei nehmen den Normalweg und schließlich sitzen wir gemeinsam im Garten der Jausenstation, singen, dass es sogar die Wirtin freut und stärken uns für den Heimweg.
A. S.
| Zurück zur Tourenübersicht |