Hochtourenwoche Ötztaler Alpen

   Petrus hatte wahrhaft ein gnädiges Auge auf uns geworfen und schützend seine Hände über uns gehalten in diesem ach so wetterlaunischen Sommer. So konnten wir unseren gesamten Tourenplan durchführen.

   Unter Rudi Rohns sicherer und fachkundiger Leitung hatten wir vier Gipfelerlebnisse.

Martin-Busch-Hütte   Gleich am ersten Tag ging es von der Martin-Busch-Hütte (2501 m) über den Marzellkamm hoch über dem Niedertal über zackige Felsen und tiefe Sulzschneelöcher in Richtung Similaun, der uns das Gipfelerlebnis hart erkämpfen ließ. Der lange, steile Anstieg auf sulziger Gletscherflanke ermüdete uns alle. Aber der weite Ausblick vom Gipfel auf 3606 m über alle anderen Gipfel hinweg ließ uns schnell die Müdigkeit vergessen und den Tag zufrieden in der Similaun-Hütte (3019 m) ausklingen. Leider mussten wir dort zwei Fußpatienten aus unserer Gruppe zurück lassen, sodass wir am folgenden Tag nur noch zwei Dreierseilschaften waren.

   An der Fundstelle des Similaunmannes (Ötzi) auf dem Tisen Joch mit einem einsamen Japaner im Schlepptau machten wir am nächsten Morgen kurz Rast, bevor wir einen Abstecher auf die Fineilspitze (3516 m) vorhatten. Ein nicht ganz leichtes Vorhaben für einen wenig routinierten Hochtourengeher. Aber in sicherer Begleitung wird auch der Unsichere mutig.

   Auch hier war die riesige Aussicht ein starker Moment für die Bergsteiger. Erholung und Nachtruhe fanden wir dann im Hochjoch-Hospiz (2413 m), eine sehr gemütliche Hütte mit Warmwasser! Sie wurde von dem Venter Pfarrer Franz Senn (er wirkte von 1860 bis 1872) gegründet, der ein Pionier im Alpinismus war und als Gründer des Alpenvereins gilt. Er bereitete den Weg zur touristischen Erschließung und eröffnete den bettelarmen Bergbauern neue Verdienstmöglichkeiten.

   Ausgeruht ging es am frühen Morgen unterhalb der Guslarspitzen über steile Wege und schließlich über weite Gletscherflächen zum Brandenburger Haus auf 3274 m Höhe. Wie ein Adlernest thront diese Steinhütte auf dem Felsen. Dort fegte ein heftiger Föhnsturm, der dieses Haus wackeln ließ. Es zog durch alle Fenster, das Lager war eisig, aber es gab dort das beste Abendessen! Vorher bestiegen wir am Nachmittag bei wechselndem Nebel noch die mittlere Hintereis-Spitze (3461 m).

   Über den Fluchtkogel mit seinem runden Gletscherrücken (3497 m) im Morgenlicht mit »Geradenochsicht«, bevor Regenwolken kamen, ging es im Eilmarsch durch das steinschlaggefährdete Guslarjoch hinunter zur Vernagthütte (2766 m) und weiter über einen Höhenweg, der sich immer wieder in Seitentäler schlängelte, zur Breslauer Hütte auf 2840 m hoch über dem Ort Vent.

   Das Wetter zeigte sich jetzt von seiner unfreundlichen Seite, nachts krachten Gewitter, und Regengüsse trommelten auf das Hausdach. Die Wildspitze (3772 m), unser letztes und höchstes Ziel (höchster Berg Tirols), versteckte sich hinter düsteren Wolken. Unser zeitiger Aufbruch um 6.00 Uhr morgens wurde durch Gewitter und heftige Schneeschauer nach kurzer Gehzeit zunichte gemacht, so dass wir in der Hütte wieder Zuflucht fanden. Aber Petrus war uns wohlgesonnen, er schob nach einer guten Stunde Wartezeit das schlechte Wetter beiseite und ließ uns wieder frei in die Bergwelt treten. Den Aufstieg zur Wildspitze konnten wir bei guter Sicht machen, nur der Gipfel gönnte uns keinen Rundumblick, es herrschte Nebel. Das stark vereiste Gipfelkreuz und unsere freudigen Gesichter konnten wir dennoch fotografieren. Am gleichen Tag noch stiegen wir ab nach Vent, wo wir freudig von unseren beiden Fußpatienten erwartet wurden. Eine heiße Dusche und ein großes Abendessen in der Pizzeria bildeten einen harmonischen Abschluss dieser ereignisreichen Hochtour.

Juli 2004

Katharina Steinen


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