Von München nach Venedig

Das Buch »Zu Fuß über die Alpen, der Traumpfad von München nach Venedig« von Ludwig Graßler lag schon ein Jahr im Bücherregal und wurde von mir hervorgeholt, um Passagen daraus nachzulesen; und dann stand es fest: Ich gehe das in diesem Jahr! Diese Hochgebirgswanderung wurde im DAV Summit Club mit Führer angeboten, und da ich mit dem Club schon Tiefschneefahren und Skitouren gemacht habe und sehr zufrieden war, beschloss ich, auch diese ausgefallene Idee mit dem DAV Summit Club zu verwirklichen.

Der Marienplatz und das Neue RathausAm 12. August 2000 brach ich, 62, nach München auf, übernachtete dort, um am nächsten Morgen die Menschen kennen zulernen, mit denen ich vier Wochen zusammensein und die Alpen überqueren wollte: Es ist eine 25-jährige Berlinerin, ein 46-ähriger aus Norddeutschland, der noch nie einen Berg von nahem gesehen hat (es stellt sich heraus, dass er sehr gut durchtrainiert ist), fünf Freunde aus verschiedenen Gegenden Deutschlands, die schon viele Jahre gemeinsame Wanderungen unternehmen und sich nun diese Tour vorgenommen haben (Durchschnittsalter 60 Jahre), und ein Berliner Ehepaar, nicht mehr berufstätig, ca. 55 Jahre alt.

Unser »Chef«, Gustl Rothkopf aus Bad Reichenhall, ebenfalls Jahrgang 1938, begrüßt fünf Wanderinnen und neun Wanderer; es haben jedoch von diesen 14 »nur« 10, nämlich Dietrich, Hermy, Harald, Werner, Waldemar, Erich, Ulrich, Hannelore, Katja und ich die gesamten vier Wochen bis Venedig gebucht, die übrigen wollten nur ein bis zwei Wochen mitgehen (man kann diese Tour auch in vier Etappen gehen, da ja nicht jeder vier Wochen Zeit hat). Am 3. Tag scheidet Annette, am 4. Tag Wolfgang aus. Beide sind bereits »fertig« und können nicht mehr weiter. Lisa und Burkhardt halten ihre gebuchte erste Woche durch.

Wir gehen am 1. Tag 36,3 km bis Gelting entlang der wunderschönen Isarauen und machen nur Pause zum Trinken und um in Kloster Schäftlarn eine Kleinigkeit zu essen. In der »Puppinger Au« werden wir durch Mahnmale an die bei Kriegsende aus den Lagern vertriebenen Juden erinnert, die in den Isarwäldern vor Erschöpfung tot umfielen oder erschossen wurden. Nach dem neunstündigen Marsch können wir uns das Drama einigermaßen vorstellen. Wir übernachten im Hotel »Alter Wirt«, erhalten ein gutes Abendessen - wie die ganzen 28 Tage immer; sowohl in den Hütten, als auch bei den seltenen Abstiegen zu Hotels, wo wir dann unser Gepäck nachgebracht bekommen, um im Rucksack die schmutzigen gegen die sauberen Sachen zu tauschen.

Am 2. Tag sehen wir bei bestem Wetter schon die Voralpen. Wir gehen 28 km von Gelting bis Bad Tölz (über Kalvarienberg) und übernachten noch einmal im Hotel, um am nächsten (3. Tag) über Lenggries den Aufstieg auf die Brauneck-Hütte mit 1555 m Höhe in ca. fünf Stunden zu gehen. Bei herrlichstem Wetter sitzen wir bis 22.00 Uhr (Bettruhezeit!) vor der Hütte, bewundern ein schönes Panorama mit Mondaufgang.

Der 4. Tag führt uns tief ins Karwendel hinein bei sechs Stunden Gehzeit über die Jachenau, den Rißsattel bis Vorderriß. Hier werden wir von unserem Hotelwirt abgeholt und bis nach Hinterriß gefahren. Der große und kleine Ahornboden erfreuen uns am 5. Tag bei unserem Aufstieg über die Falkenhütte (Mittagessen), weiter über das Hohljoch quert man die Laliderer Wände und über das Spielißjoch erreichen wir schließlich nach ca. 7 Stunden das Karwendelhaus (1765 m; gemeinsames Nachtlager - und zwischendurch reißt uns ein starkes Gewitter aus dem Schlaf.). An meinen Füßen und den einiger Mitwanderer gibt es fast keine Stelle mehr ohne Blasen, die abends aufgestochen und morgens mit Leukotape verklebt werden. Nach 10 Minuten spürt man kaum noch etwas; es sei denn, man macht Halt.

Die Birkkarspitze, mit 2749 m der höchste Karwendelgipfel, ist die erste große Herausforderung am 6. Tag der Wanderung. Lisa, ein Wanderfreund mit angeschlagenem Knie und ich steigen (alternativ) nicht mit über die Birkkarspitze (1200 m bergauf und dasselbe wieder runter), sondern wandern den gesamten Bergkamm drumherum. Zuerst vom Karwendelhaus bergab am Karwendelbach entlang bis zum Wiesenhof und von hier die Isar hoch fast bis zu ihrer Quelle. Bei allerschönstem Sonnenschein machen wir auf diesem »unendlichen« Weg zweimal Rast und baden in der quellwasserreinen Isar. Nach mindestens 9 Stunden Wanderung erreichen wir nach nochmaligem 300-m-Aufstieg - für den Rest des Weges am Lafatscher Bach entlang - das Hallerangerhaus (Hütte, gemeinsames Nachtlager).

Eine »beschauliche« Wanderung soll am Sonnabend, dem 7. Tag unserer Wanderung, die erste Woche beschließen. Es geht hinauf zum Lafatscher Joch in 2081 m Höhe und hinunter zu den »Herrenhäusern«. Das zu besichtigende Salzbergmuseum hat leider eine Lawine weitestgehend zerstört, so dass wir dort im Garten nur eine gemeinsame Mahlzeit einnehmen und weiter nach Absam in 632 m Höhe absteigen, um in Hall im Hotel »Badl« wieder einmal heiß duschen zu können! Hier verlassen uns Lisa und Burkhardt und eine neue tüchtige Wanderin, Ruth, 55, kommt für eine Woche hinzu.

Der 8. Tag führt uns von Waldren den Zirbenweg zur Lizumer Hütte in 2050 m Höhe - und wer möchte, kann am Nachmittag eine Wanderung auf die »Graue Wand« (2594 m) unternehmen. Die gesamte Gehzeit betrug heute 6,5 Stunden. Wir sind stolz, dass wir jeden Tag unser Etappenziel erreichen. Das geht natürlich nur, wenn quasi militärisch durchgelaufen wird, d. h. dass nach ca. 1,5 Stunden jeweils eine Trinkpause von kurzer Dauer gemacht wird - nur im äußersten Notfall eine Pause zum Austreten erlaubt ist (um danach den Weitergegangenen hinterher zuhechten) - zwischendurch auch nicht angehalten wird zum An- und Ausziehen von Wanderzeug, zum Luftholen oder Fotografieren. Dafür muss man bei 11 anderem schon Verständnis auf bringen, sonst müsste wohl am Tag 1 Stunde extra kalkuliert werden; und unser Wanderführer führt uns lieber etwas früher auf unsere Tagesendstation. Also bemüht sich jeder so gut er kann.

Der 9. Tag beschert uns den Aufstieg zum Pluderling-Sattel in 2743 m Höhe und die aussichtsreiche Geierspitze mit 2857 m. Abstieg und Aufstieg zum Tuxerjoch-Haus, das wiederum eine glänzende Aussicht beschert auf den Olperer, die Gefrorene Wandspitze und den Hohen Riffler - bei bestem Wetter. Es gibt Gemeinschaftsschlaflager (angeblich mit Schnarchkonzert; aber ich höre nichts, weil ich wie tot schlafen kann in jedem noch so unbequemen Hochbett) und ein sehr gutes Abendessen; wie immer werden von uns ein bis zwei Gläschen Rotwein (manche ein paar mehr!) dazu getrunken. Es folgt mit dem 10. Tag wieder eine jener Herausforderungen, mit denen ich zwar im Stillen gerechnet habe, die mich aber dennoch »überwältigen«. Die Gletscher beeindrucken auf dieser Etappe. Ein Stück des »Gefrorene-Wand-Keeses« ist auf dem Weg zur 2904 m hohen Friesenbergscharte zu queren. Der Abstieg von hier zum Friesenberghaus (schwindelerregend, wie es da hinuntergeht, z. T. seilversichert) wird bei strahlendem Wetter einfach »genommen«. Der Zillertaler Hauptkamm begleitet uns auf 7,5 Stunden Gehzeit. Im Friesenberghaus Schlaflager und gutes Essen.

Vom 2498 m hoch gelegenen Friesenberghaus geht es - nach Italien! Südtirol ist erreicht am 11. Tag! Abstieg zum Schlegeisspeicher (1895 m) und ein wie immer »gemütlicher« Aufstieg zum Pfitscherjoch-Haus in 2248 m Höhe.

Am Donnerstag, dem 12. Tag unserer Wanderung, steigen wir ab zur Kasalm in 1739 m Höhe. Wir steigen wieder auf (wie könnte es anders sein???, es geht immer bergauf und bergab = insgesamt sind wir am Ende 22 000 m!!! bergauf und 22 500 m!!! bergab gegangen, die geraden Strecken nicht mitgerechnet!) entlang dem romantischen Unterbergsbach zur Gliderscharte in 2638 m Höhe. Der Grindlbergsee ist umstanden von Wollgras und ein ganz besonderer Anblick. An den Engbergalmen geht es vorbei hinunter durch die Duner Klamm nach Pfunders. In Niedervintl haben wir mal wieder ein Hotel und unser Gepäck. 

Der 13. Tag hat sechs Stunden Gehzeit und es geht auf dem Rücken des Rodenecker Waldes nach Lüsen in einem Gasthof. 

Am 14. Tag bedeutet nicht nur für mich, sondern auch für einige meiner Mitwanderer männlichen Geschlechts der Aufstieg zum Monte Telegrapho, am Kaserbach entlang zur Plosehütte (2446 m hoch und auch ein Mekka für Skifahrer) - hoch über Brixen - die größte Kraftanstrengung der gesamten Bergtour. Hier ist m. E. der ansonsten gute Bergführer - unser Gustl - etwas zu schnell gegangen, so dass uns fast die Luft wegblieb.

Der Abstieg ins Hotel »Kreuztal« in St. Andrä in 2023 m Höhe war dann fast eine Erholung. Wir verabschieden Ruth, die mitfühlende Wanderfreundin, und begrüßen zur ausschließlich dritten Woche Angela, Sepp, Helmut und Ullrich. Wir alle kommen zwar aus Deutschland, bis auf unsere drei Berliner jedoch jeder aus einer anderen Stadt. Der Dolomitenhöhenweg Nr. 2 verbindet die Bergstation der Plose mit unserem Etappenziel. Wir wandern bergab und bergauf über Kofeljoch (1866 m) und Peitlerscharte (2357 m) in 6,5 Stunden zur Schlüterhütte (2301 m). Übernachtung in 5-Bett-Kammern und Möglichkeit zum Duschen.

Den 16. Wandertag habe ich für mich selbst den »Rififi-Tag« getauft (1 Riff, viele Rififi!). Die Roa-Scharte, Piz Nivea, Puez-Hütte, Übergang zum Cirjoch; es waren ein knappes Dutzend Übergänge (Rififi) an diesem Tag mitten im Zentralmassiv der Dolomiten zu überwinden. Fast durchgehend in 2500 m Höhe passieren wir diese Übergänge, lassen schon bald die Geisslerspitzen liegen und erreichen nach 7 Stunden das Grödnerjoch (Hüttenhaus Farer) in 2137 m Höhe. Schlaflager für alle.

Ein strammer Aufstieg durch das Val Setus bringt uns über Rifugio Franco, die herrlich gelegene Pisciaduhütte in 2585 m Höhe auf das Hochplateau zur Boehütte (2873 m). Es folgt eine Hüttenübernachtung der allereinfachsten Art mit vier Steh-WC, vier Waschbecken mit kaltem Wasser und eingebauten Übernachtungs-Kojen. Es sieht fast aus wie in einem Straflager aus den Geschichtsbüchern. Wir verbringen aber wie immer einen sehr vergnüglichen Hüttenabend und der Piz Boe mit 3152 m ist uns ein weiterer Höhepunkt auf dieser Wanderung.

Am 18. Tag früh morgens können wir nur provisorisch frühstücken, weil der Boe-Wirt so viele Notgäste zur Nacht im Frühstücksraum unterbringen musste. Wir wandern zur Pordoischarte, die ich vom Skifahren her kenne und wundere mich, wie anders es im Sommer aussieht. Unser Chef geht im Steilflug die Abkürzung durch die Geröllhalde; uns schickt er über den Umweg. Harald muss wegen einer Ellbogen-Entzündung und Fieber zum Arzt. Er fährt mit einem Lift nach Canazei. Wir hoffen, dass er mit uns weiterkann.

Auf dem Bindelweg geht es wieder aufwärts und immer mit Blick auf die gewaltige Marmolada-Nordwand. Vom Fedaiasee in 2044 m Höhe fahren wir mit dem Bus nach Penia/Canazei zurück (wir sind diesen Weg nur wegen seiner Schönheit gelaufen, denn er liegt eigentlich nicht auf unserem Weg) und steigen noch einmal fast zwei Stunden etwa 500 Höhenmeter - auf zum Contrinhaus. Ein Nachtlager für jeweils acht Personen, vernünftige Toiletten und ein gutes Abendessen erwarten uns. Oh Freude! Denn unser Harald ist wieder da!

Am 19. Tag geht der Weg durch das Val di Contrin auf den Ombrettapaß in 2704 m Höhe, direkt unter den Marmolada-Südwänden. Wir steigen von hier ab zur Falierhütte in 2080 m Höhe. Wir haben Schwalbenschwanz-Enzian, Edelweiß, Herbstzeitlose sowie eine Reihe von Blumen, die wir alle nicht kannten - und Murmeltiere und ein Rudel Steinböcke gesehen, haben - wie tags zuvor nur unser Führer, auch einmal die Abkürzungen hinunter durch steile Geröllfelder genommen, eine ziemlich glitschige, halb abgerissene Holzbrücke ohne Geländer über einem Abgrund teils auf dem Hosenboden, teils auf dem Bauch, die Mutigen hoch erhobenen Hauptes, überwunden, haben richtigen Almkäse in einer Käserei mitgenommen für eine zünftige Mittagsmahlzeit für den nächsten (20.) Tag, wo wir von der Falierhütte über Malga Ciapela (unter der Marmolada) über Sottoguda Richtung Caprile und weiter über Carracoi Cimai nach Masari gehen in nur 978 m Höhe, wo wir am Alleghesee von unserem Hotelwirt des »Ciclamino« in Alleghe-Sala abgeholt werden. Hier verlassen uns Angela, Sepp, Ullrich und Helmut wieder; und weiter geht der »harte Kern« der Truppe, der sich Venedig zum Ziel gesetzt hat.

Der 21. Tag führt uns zur Tissihütte. Es begleitet uns die Civetta, mindestens so imposant wie die Marmolada! Den Weg zur Tissihütte zeigte uns unser Chef bereits an vorhergehenden Wandertagen und wir wundern uns immer wieder, was wir so in ein paar Tagen an Distanzen zurücklegen! Vom Col di Baldi in 1920 m Höhe, den wir ausnahmsweise mal mit einer Seilbahn erreichen, geht es unter den Wänden der Civetta entlang zur Tissihütte (2250 m), wo wir mit einem atemberaubenden Panorama belohnt werden. Vier- und Fünf Bett-Räume, nur kaltes Wasser, keine Duschmöglichkeit! Es ist sehr kalt (5 Grad) und jeder zieht sich auch für die Nacht etwas Warmes an.

Der 22. Tag, ein Sonntag, führt uns durch das blumenreiche Val Civetta abwärts zur Vazzoler Hütte in 1752 m Höhe. Es ist den ganzen Tag schwieriges Gelände zu gehen. Jede Größe von Steinen, Schotter und Findlinge lassen uns mehr kämpfen als sonst. Über das Col dell'Orso in 1800 m und die Forcella del Camp in 1932 m zum Rifugio Carestiato (1933 m) benötigen wir 6,5 Stunden Gehzeit. In den meisten Hütten gibt es für ca. 40 Gäste zwei Waschbecken mit kaltem Wasser, die Toiletten sind oft italienischer Bauart, d. h. zum Stehen, und natürlich ständig belegt - aber meist ist es sauber. Die Etagenbetten haben stets »eine Kull«, aber zum Glück sind wir immer so müde, dass wir auch im Stehen schlafen könnten. Es schert uns also weder ein Schlafsaal mit 30 Betten, noch zwischen den Betten gespannte Leinen für die Sachen zum Aufhängen. Gott sei Dank haben wir (bis auf ein Hagelgewitter direkt auf dem Gipfel und einen halben Tag Nebel in der 4. Woche) nur schönstes Wetter erlebt, so dass es keine Probleme mit nassen Sachen gab. 

Der 23. Tag wird härter als alle anderen. Seit dem letzten Hotelaufenthalt in Alleghe schleppt jeder seine Gebirgsausrüstung (Leihgaben des DAV Summitclub) im Rucksack mit, weil wir diese am Dienstag, dem 24. Tag unserer Reise, benötigen. Wir steigen ab zum Passo Duran in 1605 m Höhe, um den höchsten Punkt an der Forcella Sud del Citta mit 2395 m zu erreichen. Auf dem Gipfel Cita überrascht uns dann das Hagelgewitter. Wir alle hatten schreckliche Angst, warfen unsere Stöcke - wie vom Chef befohlen - gleich nach dem Gipfel 10 m weit weg, hockten uns in die niedrigste Position auf den Boden und warteten voller Schrecken die Blitze und den fast gleichzeitig erfolgenden Donnerschlag ab. Als das Gewitter vorbei war, hat wohl jeder sein »Gott sei Dank« gesagt und wir sind ohne Maulen mit steif gefrorenen Händen und pitsche-patsche nass noch zwei Stunden bis zu unserem Rifugio »Pian de Fontana« gelaufen. Insgesamt sind wir acht Stunden gewandert. Wir sind »fix und foxi« und würden am liebsten alle ohne Abendessen ins Bett kriechen. Aber das geht natürlich nicht. Nach einem »kalten Bad« am Waschbecken, wo uns »Mädchen« immer freundlicherweise der Vortritt von unseren »Männern« gelassen wird, sind wir wieder aufnahmefähig. Wir stärken uns reichlich. 

Am nächsten Tag (24.) starten wir sehr früh, denn diese Etappe - der größte Höhepunkt der Wanderung - führt uns zur Marmolscharte in der Schiara mit 2262 m. Der Aufstieg ist schon eine Anstrengung höchsten Ausmaßes; und dann heißt es, allen Mut zusammennehmen! An der roten Biwakschachtel beginnt erst der richtige, aber z. T. auch seilgesicherte Abstieg mit voller Montur, d. h. Helm (gegen Steinschlag und falls der Kopf spitze Felsen mitnehmen möchte), Brustgurt und »Strampelhose«, Doppelseil mit Karabinerhaken - und Gustl achtet streng darauf, dass auch »richtig« eingehakt wird, wie wir es vorher eingeübt haben. Schließlich geht es rechts und links in die Ewigkeit. Trittsicherheit und Geschicklichkeit sind gefragt und natürlich ist es wunderbar, wenn bergerfahrene Hasen dann den schwächeren Gipfelstürmern ein paar Tricks zeigen, wie es richtig geht (mein besonderer Dank gilt Hermy!), und das machte unsere Gemeinschaft zu einer sehr herzlichen. Das war zwar von Anfang an so, aber zum Schluss hat es wohl jeder gespürt. Der einstündige Restabstieg ohne Kletterausrüstung von der ersten grünen Wiese zum »Rifugio 7° Alpini« in 1490 m Höhe war dann ein einziger Rausch. Ich selbst bin solch einen schweren Klettersteig vorher noch nie gegangen und war schon sehr stolz auf mich! Es herrscht wieder große Freude, denn Harald, durch eine erneute Fieberattacke am gestrigen Tag wieder zum Pausieren gezwungen und vom Wirt nach Belluno gefahren zum Krankenhaus, wartet vor der Hütte auf uns. Er ist von Belluno aus viele Stunden bis zum »Rifugio 7° Alpini« aufgestiegen, um den Rest der Reise hoffentlich jetzt durchzustehen. 

Von hier an ist es nur noch eine leichte Wanderung bis Venedig. Wir gehen hinunter (25. Tag) nach Belluno in 690 m Höhe auf einem wunderbaren Pfad - bewachsen mit Alpenveilchen, entlang einem herrlichen Gebirgsbach in die Sonne Italiens! Hier wohnen wir im Hotel und können nach Herzenslust im Wasser plantschen und es gibt ein ganz ausgezeichnetes Essen. Wir haben sogar noch Zeit zu einem Bummel durch die Stadt Belluno! 

Webcam MarkusplatzVon Belluno aus geht es über den Nevegal-Höhenrücken nach Tarzo auf nur 260 m Höhe. Wir schreiben den 26. Wandertag. Bei 1763 m ist am Col Visentin die größte Höhe erreicht. Abstieg zum Lago di Revine und Fahrt nach Tarzo. Hier wollen wir - nicht in Venedig, weil dort der Wein und alles andere das vierfache und mehr kosten - unsere Zielfeier »zelebrieren«. Das herrlich gelegene Hotel, ein umgebautes Weingut, scheint mit dem festlich gedeckten Tisch und einem wunderbaren Essen nur so auf uns gewartet zu haben. Wir erhalten alle eine Urkunde (eine Überraschung!) sowie ein T-Shirt mit dem Foto des Deckblattes des 2000-Kataloges vom DAV Summitclub und schreiben uns gegenseitig unsere Vornamen darunter mit einem waschfesten Filzschreiber. Als Abschiedsgeschenk für unseren Gustl gibt es ein paar Flaschen besten »Grappa« und viele Dankeschöns und es fließt folgerichtig und auch verdient eine Menge guten Weins. 

Wir kürzen Tarzo-Venedig ab per Bahn, da wir sonst durch Venedigs Industriegebiet laufen müssten und haben etwas mehr Zeit in Venedig, auf das wir uns alle sehr gefreut haben. Wir lassen noch von einem Fremden von uns allen auf dem Markusplatz ein Foto schießen, was sehr schön geworden ist, und verspüren beim letzten gemeinsamen Abendessen im Hotel schon ein wenig Wehmut, weil jetzt jeder wieder seinem Alltag nachgehen wird! 

Es war eine wundervolle, eine sehr anstrengende, eine abenteuerliche und lange Bergtour, weit entfernt von jeglichem Zivilisationsdruck, mit wohltuender Bergeinsamkeit, herrlichstem Wetter, ohne Zeitung und Fernsehen - und keiner von uns wird diese Tour wohl je vergessen!

Ingrid, August/September 2000

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Weiterführende Informationen und ein Forum zum »Traumpfad«


 



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