Im verwunschenen Tal
Wanderungen im westlichen Lagorai
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»Oben aber war der Wald dunkel und der Berg hieß Selvot. Er trug über dem Wald Almböden, die, verschneit, in breitem, gemäßigtem Wellenschlag über die Nachbarberge weg das kleine hart ansteigende Seitental begleiteten, in das die Expedition einrücken sollte. Kamen, um Milch zu liefern und Polenta zu kaufen, Männer von diesen Bergen, so brachten sie manchmal große Drusen Bergkristall oder Amethyst mit, die in vielen Spalten so üppig wachsen sollten wie anderswo Blumen auf der Wiese, und diese unheimlich schönen Märchengebilde verstärkten noch mehr den Eindruck, dass sich unter dem Aussehen dieser Gegend, das so fremd vertraut flackerte wie die Sterne in mancher Nacht, etwas sehnsüchtig Erwartetes verberge.« - Robert Musil, Grigia |
Da wir Tagestouren von einem festen Standquartier machen wollten und kein Auto dabei hatten, war die Auswahl
nicht sehr groß: Nur wenige Täler führen von Norden (Fleimstal) oder Süden
(Valsugana) in den Lagorai, nur ein befahrbarer Pass (aber ohne Busverbindung) verbindet
beide. Bivaccos gibt es reichlich, passend gelegene
bewirtschaftete Hütten oder
Gasthöfe nur wenige. Wir wählten das westlichste Tal, das vom Valsugana
abgeht (von wegen Gardasee) und mit öffentlichen Verkehrsmittel gut zu
erreichen ist (Sonntags allerdings nie).
Es handelt sich um das Fersental, italienisch Val dei Mòcheni. Es
gibt sogar noch einen dritten Namen, der von den Bewohner selber stammt: Bernstòl. Wir befinden uns hier nämlich auf einer Sprachinsel, wo - zumindest
im Talschluss - ein altertümlicher bayerischer Dialekt gesprochen wird. Der
konnte sich hier so lange halten, weil das Tal doch recht abgeschieden ist. Im
engen und tief eingeschnittenen Talgrund finden sich nur eine Handvoll Höfe
und Mühlen; die Weiler, die sich hier und da zu bescheidenen Ortszentren
entwickelt haben, liegen verstreut auf den Hangschultern.
Der zentrale Lagorai mit seinen höchsten Erhebungen war für uns also
nicht zu erreichen, aber auch hier in seinen Ausläufern findet man die charakteristischen Merkmale
dieses Gebirges: Täler mit tief eingeschnittenen Bachläufen, dicht bewaldete
Berghänge, unterbrochen von weitläufigen Almen, meist auf den Kuppen und darüber die oft
grasbewachsenen Gipfel und Grate mit dem typischen rötlichen Schimmer: Die
Felsen bestehen aus Porphyr, wodurch mir das Gelände seltsam vertraut vorkam:
Es erinnerte mich sehr an die heimatlichen Steinbrüche - die Abenteuerspielplätze meiner
Kindheit. (Nebenan, im
Cembra-Tal, wohin wir eine Tour zu den Erdpyramiden von
Segonzano unternahmen, wird es in großen Tagebauen gebrochen und meist zu
Bodenplatten verarbeitet.)
Natürlich wollten wir aber zumindest einen Blick in dieses Gebiet
werfen und machten verschiedene Touren zu Aussichtsbergen in der
hufeisenförmigen Bergkette, die das Fersental umgibt. Einen prachtvollen Panoramablick auf
diese Berge selbst (Cima Sette Selle, Gronlait, Fravort...), ja bis zum Adamello
(sogar der Mandrone-Gletscher war gut auszumachen) und zur Brenta hatten wir schon
vom relativ niedrigen, aber freistehenden Grasberg Monte Slimber (2204 m).
Zwei Touren führten ein Stück über den europäischen
Fernwanderweg E5: Einmal
tippelten wir vom Park der Erdpyramiden bei Segonzano über den Passo del Redebus
nach Palù zurück. Der Weg verläuft teilweise (zwischen Quaras und
Centrale) auf schönen alten Ortsverbindungswegen, teilweise auf neu
(natürlich mit Porphyrplatten) gepflasterten Forststraßen, ist aber
teilweise schlecht gekennzeichnet: Kurz vor Bedollo muss man rechts vom
gepflasterten Weg ab (der in ein Neubaugebiet führt) auf einem Waldpfad Richtung Cascata del
Lupo (nachdem ich etwas herumgesucht hatte und dabei bis zu dem erwähnten
Neubaugebiet hochgestiegen war, fühlte sich ein Anwohner bemüßigt, uns
entgegenzugehen, um uns auf den rechten Weg zu bringen; nach seinen Worten
verliefen sich an dieser Stelle viele E5-Wanderer).
Eine Wanderung führte uns auf den schon vertrauten Steigen und
Pässen zur Tonini-Hütte (1900 m). Diese wunderschöne und gut geführte Hütte
auf einer Alm war einer der diesjährigen Veranstaltungsorte der Reihe »Klänge der
Dolomiten« (I Suoni delle Dolomiti; Programmheft vom Fremdenverkehrsamt in
Trient). Angekündigt war der bulgarische
Akkordeonspieler Aleksej Asenov, mittlerweile in Baselga lebend. Und es wurde
fantastisch!
Wir kamen auch gleich ins Gespräch (eine Frau verblüffte uns mit einem
etwas ausgefallenen deutschen Wort: »Kohlenpott«
- Kunststück, ihr Mann war aus Wanne-Eickel...),
und nachdem ich mit dem vorsorglich immer mitgeführten Gewebeband aus
der Rucksackapotheke bei einer Brillenreparatur behilflich sein konnte,
waren
wir vollends aufgenommen. (Nachdem sich an meiner Brille eine Lötstelle
gelöst
hatte, musste mal eine Woche ständig mit der Sonnenbrille, die optische
Gläser
hat, auf der Nase herumlaufen, die Leute guckten schon komisch...) Wir
aßen Polenta mit knusprigem Käse und tranken von dem ausgezeichneten
Wein des Cembra-Tals und zum Nachtisch wurden die Leckereien aus den
Rucksäcken ausgetauscht. So saßen
wir dann fast zwei Stunden unverhofft in der »ersten Reihe«, denn genau
vor uns
wurde dem Meister der Stuhl hingestellt... Und er konnte spielen! Ein
sympathischer und bescheidener Künstler, der seinem begeisterten
Publikum mit einem Augenzwinkern »Lieder von Bergvölkern aus exotischen
Gegenden, wie dem Kaukasus, den Dolomiten und anderswo« darbot.
Traditionell suchen viele - auch jüngere - Bewohner der
linken Talseite ihr Auskommen in der Schafzucht und streifen mit ihren Herden
über die grasigen Hänge und Pässe. Diese Talseite wird von Bergen wie Sette
Selle, Fravort und Gronlait begrenzt, über die im 1.
Weltkrieg die Lagorai-Front verlief. Beim Verkehrsamt in S. Orsola gibt es
ein Faltblatt, auf dem man die Stellungen nachwandern kann. Ein schöner Weg
führt durch das Val Cava vorbei am neuen Agritur-Betrieb »Malga Pletzn«
zur kürzlich renovierten Feldkapelle (und weiter zum Monte Gronlait, dessen
massiger Anblick den Weg begleitet). Am Abzweig des Weges 371 trifft man
übrigens auf das niedlichste Klohäuschen (auf beirter: Keira), das ich je
gesehen habe: Es ist am Hang kunstvoll in einen hohlen Baumstamm
eingezimmert, diskret ein paar Stufen abwärts vom Rastplatz.
Als Schmankerl zum Abschluss gönnten wir uns einen halben Tag
Venedig. Da unser Flieger erst am Abend ging, konnten wir vom Bahnhof ohne Hast
durch die Gässchen und an den Kanälen entlang zum Markusplatz bummeln. - Es
hat uns überrascht, wie ruhig es ein paar Ecken neben der ausgeschilderten
Ameisenstraße zugeht. Wenn man wachen Blickes (nicht nur wegen der Kanäle ;-)
durch das Gassengewirr schlendert, kann man die skurrilsten Motive entdecken
und in Ruhe in Augenschein nehmen, ohne unwillig weitergeschoben zu werden).
Besser als seinerzeit »Papa Heuss« könnte ich es nicht (und schon garnicht in
einem Satz) formulieren: »Die suchende Entdeckerlust aber verliert sich, mit
einer gewissen Behaglichkeit, in dem engen, unregelmäßigen Gewinkel dieses und
jenes Stadtviertels, guckt in verschlossene Höfe, folgt gedeckten Durchlässen,
freut sich, wenn der an die hohe Häuserfront gebaute steinerne Pfad nicht
weiterführen will, spürt eine Treppe, eine kleine Brücke auf - es gehört
schon zu den lustigen Sachen, sich in Venedig ein bißchen zu verirren«. Zurück fuhren wir dann mit dem Wasserbus Nr. 1 auf dem
Canale Grande und konnten den Blick nach Herzenslust schweifen lassen, ohne
nasse Füße befürchten zu müssen...
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Praktische Hinweise
Anreise und
Verbindungen vor Ort:
Aus Deutschland:
Bahnlinie München - Bozen - Trient; von dort ATESIA-Bus nach Palù (umsteigen
am Busbahnhof in Pérgine). Auskunft von der
DB bzw. der Provinz
Trient und ATESINA (dort
auch Liniennetzpläne). Am Busbahnhof in Trient (50 m rechts vom Bahnhof-Ausgang) gibt es ein
Fahrplanheft. Da nach dem Wegfall des »Supersparpreises« uns bei den
Bahnpreisen (mit Schlafwagen) der Kiefer nach unten klappte (das »SparNight«-Angebot
[wer gebiert eigentlich diese Bastarde bei der Bahn?] seit August 2003 kam
für uns zu spät, wäre sonst schon interessant gewesen [Krefeld - Trient im
2er-Abteil im Schlafwagen für 69 Euro je Strecke und Nase - Einzelheiten in der
Broschüre Nachtzüge am Bahnschalter oder im Internet), buchten wir einen
»Billigflug« (alles in allem knapp 170 Euro für zwei Personen) mit Hapag-Lloyd
Express von Köln nach Venedig und zurück. Von Venedig (Marco Polo) nach
Mestre oder S. Lucia mit Shuttle-Bus und per Zug via Bassano del Grappa durchs
Valsugana nach Pérgine (siehe Verkehrsseite
Italien).
Unterkunft: Als direkte Ausgangsbasis, wenn man
nicht mit dem Bus oder Auto anfahren will, kommen 3 Hütten (Tonini, Sette Selle, Erdémolo), einige
Agritur-Betriebe mit Übernachtungsmöglichkeit (z. B. Malga Stramaiolo, Agritur
Scalzerhof) und zwei Hotels (Albergo
Lagorai ** bzw. Albergo Rosa Alpina *) in Palù in Betracht.
Literatur:
(Es sind nur Titel angegeben, die wir auch im Bücherschrank stehen haben,
also nicht unbedingt lieferbare oder aktuelle Auflagen)
· Cony Ziegler, Trentino und Gardasee. Iwanowski's Reisebuchverlag, Dormagen 2.
Aufl. 2002. Mit Übersichtskarte; sehr detailliert.
· Helmut Dumler, Fleimstaler und Vicentiner Alpen, Verlag J. Berg bei
Bruckmann, München 1998. Der beste deutschsprachige Führer für das Gebiet
beiderseits der Valsugana.
· Guiseppe Borziello, Lagorai-Gruppe, Athesia Verlag, Bozen 1993.
Kenntnisreicher Spezialführer.
· Bergsteiger Special 5, Trentino, Frühjahr 2003.
· Gianni Bodini, Dem Norden entgegen. Auf dem E5 von Verona nach Meran. Verlag
J. Berg, München 1994. Die meisten deutschen Wanderer beenden den E5 in Meran
oder Bozen.
Dieser Führer stellt also den zu entdeckenden Teil des Weges im Trentino dar.
· »Führer der Schutzhütten des Trentino« und »Führer der Naturparks«. Beide Broschüren kostenlos vom Fremdenverkehrsamt
der Provinz Trient.
· »Führer durch das Fersental« und »Der Erste Weltkrieg in den
Fersentaler Bergen«. Broschüren vom örtlichen
Fremdenverkehrsamt.
· Robert Musil, Drei Frauen, rororo Taschenbuch, Hamburg 1952. Robert Musil war im 1.
Weltkrieg Vizekommandant der Lagorai-Gruppe und wohnte von Mai bis August 1915
in Palai. Seine Novelle »Grigia« rankt sich um einen Versuch, »die alten
venezianischen Goldbergwerke im Fersental wieder aufschließen« zu wollen.
Jedoch: »Die Bohrungen hatten (...) nicht recht vorwärts geführt«, was der
männlichen Hauptfigur der Geschichte (die recht allgemein »Homo« heißt) die
Zeit verschafft, mit einer jungen Bäuerin anzubandeln. »Sie hieß Lene Maria
Lenzi; das klang wie Selvot und Gronleit oder Malga Mendana, nach
Amethystkristallen und Blumen, er aber nannte sie noch lieber Grigia, mit langem
I und verhauchtem Dscha, nach der Kuh, die sie hatte, und Grigia, die Graue,
rief.« Die Affäre endet für den Herrn tödlich und mit dem Gold war nix,
obwohl die Gesellschaft über »gewaltige amerikanische Mittel« verfügte. Da
war man vor einigen Jahren schon schlauer, als man die »Grua Va Hardömbl« wieder
eröffnete. Sie fördert zwar kein Gold mehr, aber 5 € pro Touristennase sind auch nicht
zu verachten...
. Amedeo Storti, Venedig. Praktischer Führer. Mit einem Plan für ein Eintagesprogramm. Edizioni Storti, Venzia 1981.
. Theodor Heuss, Von Ort zu Ort. Wanderungen mit Stift und Feder. Rainer
Wunderlich Verlag Hermann Leins, Tübingen 1959.
Karten:
Übersichtskarte: Trentino 1:150.000 (mit Panorama; kostenlos vom Fremdenverkehrsamt
der Provinz Trient).
Wanderkarten Kompass 621 »Valsugana - Tesino« (1:25.000) und Kompass 075 »Altopiano
di Piné« (1:35.000) - nicht fehlerfrei, aber brauchbar; »Valle dei Mòcheni -
Bersntol« (1:25.000; mit Panorama; kostenlos vom Fremdenverkehrsamt
in S. Orsola; mit Markierung der örtlichen Wanderwege, aber bezüglich der
Straßen und Forstwege etwas veralteter Kartografie).
Web-Seiten:
Fremdenverkehrsamt Trentino
Fremdenverkehrsamt Valle dei Mòcheni
(Nachtrag März 2004) Es gibt eine eigene Website über Erdpyramiden
weltweit.
(Nachtrag Oktober 2008) Die ausführliche Beschreibung »Trekking del
Lagorai« von Alessandro Ghezzer ist online leider nur noch über das
Web-Archiv verfügbar: http://web.archive.org/web/20020602003913/host.aspide.it/ar/lagorai/lagorai.htm
Coro Genzianella di
Roncogno
Tourenbeschreibung
(italienisch)
Tourenbeschreibung Sette Selle mit Gipfelpanorama (italienisch)
Tourenbeschreibung Rujoch
(italienisch)
Sprache:
Das Fersental (im Dialekt Bersntòl, italienisch Valle dei Mòcheni) wurde
von Holzfällern und Bergleuten aus Bayern und Böhmen besiedelt. Nach Rückgang
des Dialektgebrauchs durch Italienisierung, Um- und Rücksiedlung im 2.
Weltkrieg und Verkehrsanbindung der linken Talseite in den 1980er Jahren besinnt
man sich wieder auf die eigene Kultur. Seit 1994 gibt es in Palai das »Kulturinstitut
Bernstòl-Lusern«.
Wer sich für sprachliche Minderheiten in den Alpen interessiert, sei auf Inseln in den
Bergen und den Sprachinselverein
verwiesen.
Beirter ver òlla (fersentalerische Wörter für
alle; aus den Infoblättern des Kulturinstituts; es gibt auch einen Aufsatz
zur Fersentaler Mundart (Word-Dokument)):
| beirter | deutsch | beirter | deutsch | italienisch | |
| guetmeurng en de vria no mitto' der schelver de tschai' uas, zboa, drai der summer der binter de vicher de plea'bler |
Guten Morgen am Morgen am Nachmittag das Frühstück das Abendessen eins, zwei, drei der Sommer der Winter die Tiere die Blumen |
Garait Oachlait Vlarutz Palai Oachpèrg Schrumspitz Schwarzkofel Hochspitz Türl |
Gereut Eichleit Florutz Palai Eichberg |
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