Große Annapurnarunde

Oktober 2005



Eigentlich sind die Monate Oktober und November die idealen Monate um im Himalaja zu wandern.

Seit zwei Jahren hatte ich den Wunsch, in Nepal, auf dem Dach der Welt, eine Wanderung zu machen. Annapurna, der Name prägte sich wie gemeißelt in mein Gehirn ein. Das war mein Berg, die Wanderung konnte nur dorthin führen. »Der Weg ist das Ziel«, sagte ich mir. Denn vom Können her werden keine Anforderungen gestellt und die höchste Höhe sollte 5.417 m nicht übersteigen.

Nach einem 27stündigen Flug landeten wir vier Männer (wir haben uns erst in FFM kennen gelernt) in Kathmandu. Oh Schreck, beide Rucksäcke waren nicht auf dem Transportband. Aber da bereits ca. 20 Personen am Reklamationsschalter standen, konnte es nur sein, dass die Rucksäcke noch in Bangladesh auf dem Flughafen lagen. 24 Std. später kam auch mein Gepäck und es endlich sollte es in die Berge gehen. Zuerst stand noch eine Busfahrt von 7 Std. für 200 km an. Besi-Sahr war unser Ausgangsort. 

Geweckt wurden wir durch lautes Hupen, Kinderschreien, Hahnenkrähen und Musik, das um 5 Uhr kurz vor Sonnenaufgang. Kurzwäsche war angesagt. Mein Frühstück sollte die nächsten 14 Tage aus Nudelsuppe, gebackenem Brot und schwarzen Tee bestehen. Mir schmeckte es und es war gekocht bzw. gebacken. 

Endlich ging es richtig los. Sechs Stunden marschierten wir durch Reisfelder, lernten die Führer und die Träger langsam kennen. Sie sollten auf dem gesamten Weg unsere Begleiter sein. Das erste Etappenziel hieß Ngadi. Natürlich ist kein Betrieb im Ort. Lastenesel, Kälber und Hühner laufen über den mit Steinplatten befestigten Weg, der nicht breiter ist als 2 Meter. Obwohl wir erst 950 m hoch sind, fahren weder Auto noch Motorrad in das fast 100 Km lange Marsyandi Tal. Der Weg führte weiter über Hängebrücken. Lastenesel kamen uns entgegen und wir mussten uns ganz eng an die Seile drücken, um von den Lasten der Esel nicht gerammt zu werden. Leichte Steigungen und herrlich grüne Reisfelder begleiten uns. Heute erfahren wir, dass der Akklimatisationstag in Manang 3.540 m entfällt. Ein Maoist erscheint und kassiert »Wegegeld« von uns, wie auch von allen anderen Wanderern. Mit den Geldern finanzieren sie ihren Kampf gegen den König. Sie sind mit einer Pistole und Walki Talki ausgerüstet und wissen genau, wann neue Gäste ins Dorf kommen.

Abmarsch in Chamje um 8 Uhr. Die Sonne knallt schon vom Himmel. Es ist sehr heiß und der Weg ist hart, es geht bergauf - bergab. Wir kommen auf eine Höhe von 2000 m. Am Ortseingang von Tal begrüßt uns ein Torbogen mit der Aufschrift »Shangrila«, was mit Paradies übersetzt werden kann. In meinen Augen ist das nicht übertrieben. Am Abend haben wir erstmals das Nepalesische Nationalgericht "Dahl bhat" (Reis mit Linsen) gegessen.

Am Folgetag sehen wir erstmals einen 8.000er in seiner ganzen Pracht. Der Masalu wird toll von der Sonne angestrahlt. Allein dieses Bild war schon die Reise wert. Aber es sollte noch viel besser und schöner werden. Denn hinter einen Kehre erscheint der Annapurna II. Ein super Blick. Unser Nachtquartier beziehen wir in Chamé. Abends ist wieder Nudelsuppe angesagt, die dritte für heute. 

Der Folgetag ist mit 5 Stunden angesetzt, doch wir »Annapurnajogger« schaffen das auch in kürzerer Zeit, obwohl wir langsam, der Höhe angepasst, gehen. Unser Tagesziel ist Piesang auf 3.165 m. Annapurna II und Annapurna IV begleiten uns links. Rechts steht der Pisang Peak. In Upper Pisang besichtigen wir einen Tempel, der gerade neu renoviert ist. Wir ziehen die Wanderschuhe aus und besichtigen die Buddha Statün. Der Geruch der qualmenden Socken überdeckt den Duft der frischen Farben um ein vielfaches. Zum ersten mal kommt auch der Gangapurna in unser Blickfeld. Bäume und Sträucher wachsen bis zu einer Höhe von 3.800 m. Auf dieser Höhe liegt in unseren Breiten der vergletscherte Grossglockner. 
Etwa 100 km führte uns der Weg durch verschiedene kleine Dörfer. Je höher wir kommen, wird statt des Bieres nur noch Gingertee getrunken. Wir steigern uns auf ein Tageskonsum von pro Person 4 Ltr. Tee. Die Flüssigkeitsmenge kommt uns oben zugute. 

Bei Vollmond, nachts um 6.00 Uhr erreichen wir den Thorong La Pass auf 5417 m. Bis hierhin haben wir 4616 Höhenmeter zurück gelegt. Ein schönes Gefühl, hier oben zu stehen, Gebetsfahnen aufzuhängen und zu sehen wie die Sonne am Horizont aufgeht. Uns vieren geht es ausgesprochen gut, keiner hat Kopfschmerzen oder auch nur Anzeichen einer Höhenkrankheit.

Der Übergang ins Kali-Gandaki-Tal, mit direktem Abstieg von 1700 m, macht uns bei starker Hitze dann doch zu schaffen. Nach der Klosterbesichtigung suchen wir unsere Lodge auf, duschen und beobachten das bunte Treiben auf den Wegen in Muktinath. In der folgenden Nacht hat es auf dem Pass stark geschneit. Eine Überschreitung wurde unmöglich. Alle die jetzt noch oben waren, mussten den gleichen Weg wieder zurück gehen. Schade, für die Wanderer. Weiter unter, bei uns, hat es sintflutartig geregnet. Erdrutsche mussten umlaufen werden. Zwei Tage lang wurden wir nass bis auf die Haut. Aber was sollte es, wir hatten unseren »Berg« geschafft.

Über Jomosom, Kalopani und Tatopani laufen wir gewaltige Umwege. Erst geht es über eine Höhe von 1.600 m in Stufen nach Ghorepani. Auch hier steigen wir um 3 Uhr aus den Federn, denn der Aussichtsberg Poon Hill auf 3.200 m, mit herrlichen Sonnenaufgängen und schöner Weitsicht, wartet auf die Menschenmassen. Wir haben wieder Glück mit dem Wetter. Es ist zwar eiskalt, aber nach dem Sonnenaufgang ist es klar und die Rundumsicht auf wunderschöne Berge ist beeindruckend. Der Annapurna 8.078 m, Dhaulagiri 8.167 m, Gangapurna 7.455 m , Tilicho Peak 7.134 m und natürlich den Machhapuchhre 6.997 m mit vielen anderen, lassen jedem Wanderer und Kletterer das Herz höher schlagen.

Nun geht es nur noch bergab. Regenwald mit Affen in den Baumgipfeln, Reisfelder und von der Außenwelt vergessene Dörfer, durchwandern wir, bis uns die »Zivilisation« in Dhampus wieder in Empfang nimmt. Mit dem von Chhiri Sherpa organisierten Bus fahren wir nach Pokhara, der zweitgrößten Stadt in Nepal. Viel Zeit für die Besichtigung bleibt uns nicht, denn um 6.00 Uhr in der Früh verabschiede ich mich von meinen Freunden. Sie wollen noch den Chittwan Park besichtigen. Aber mein Flugzeug wartet nicht, und die Flugzeit wird auf dem Rückflug sogar 36 Stunden betragen.

Mein lang gehegter Wunsch ist in Erfüllung gegangen und hat mir in Nepal neben den erhabenen Bergen auch das einfache, spartanische Leben der freundlichen Menschen näher gebracht. Das Land besticht nicht nur durch das einmalige Himalaya, sondern auch durch die Möglichkeit in eine für uns ungewöhnliche, buddhistisch geprägte Kultur und Lebensweise einzutauchen.

Heinz Braun


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