Neuer Tourenbericht: Erinnerungen an eine Wanderung im Rätikon


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Juli 2016 / von Ria Braun

Unsere Augen können sich nicht satt sehen an den üppig bunt, blühenden Almwiesen des Rätikon. Die Vielfalt der Blumen lassen uns staunen und das Herz überquellen.. Der Rätikon gehört zwar geographisch zu den Zentralalpen, aber geologisch hat er größtenteils den Charakter der Nördlichen Kalkalpen, obwohl riesige Urgesteinskeile in die Kalkmassive hineinreichen. Dies gibt dem Gebirge seinen besonderen Reiz. Dem Wanderer eröffnet sich eine Welt aus breiten Felsmassiven mit bizarren Felstürmen, steilen Felswänden, die Kletterer anziehen und die schon erwähnten herrlichen grünen Berghänge. Inmitten dieser Wunderwelt schimmert türkisfarben der Lüner See. Dieser ist gehalten von einer Staumauer, an der direkt die Douglas Hütte liegt.

Unsere Gruppe das sind Petra, Hans, Lothar, Uli, Klaus, Gerd und ich, Ria. Geführt werden wir von Heinz Braun, dem Wanderleiter. Mit dem Zug sind wir bis Bludenz gefahren. Nach einer Nacht in Bürs folgt der Aufstieg zur Douglas Hütte, 1979 m. Die Hütte ist voll belegt, was diese wohl der in der Nähe befindlichen Seilbahn zu verdanken hat. Es ist für Touristen ein lohnendes Ausflugsziel. Hier direkt an der Seilbahn liegt still und majestätisch der Lüner See inmitten einer grandiosen Bergwelt. Um dem Ansturm gerecht zu werden und zu unserer Überraschung bietet die Küche ein Bauernbüffet an mit nur allen erdenklichen landestypischen Leckereien. Nachdem wir die Lager mit unseren Hütten-Schlafsäcken markiert haben, wandern wie eine Runde um den See. Das ist sehr schön und außerdem nützlich, denn unsere Mägen müssen bereit sein für die zu erwartenden Gaumenfreuden. Bei einem Glas Bier mit Blick auf den im Abendlicht geheimnisvoll schimmernden See werden Semmelknödel, Spaghetti, Spätzle, Braten, Pasta, Zwiebelkuchen, Gulasch und noch mehr verputzt. Unser Glück ist perfekt.

Auch das reichhaltige Frühstück am nächsten Morgen mit frischen Brötchen und allem was man sich wünscht wird als Buffet angeboten. Nichts erinnert hier an die oft kargen, fleischlosen Frühstücke mit abgezählten Brotscheiben, aus früheren Berghütten. So gestärkt starten wir gut gelaunt zur Lindauer Hütte. Der Weg führt über den Öfapass mit herrlichen Ausblicken auf Drusenfluh, Drei Türme und die Geißspitze. An der Lindauer Hütte ist ein Alpengarten angelegt. Mehr als 500 Blumen und Pflanzen sind in unterschiedlichen Steinbeeten gepflanzt.

Am dritten Tag beschließen Heinz, Lothar, Uli und Gerd die Sulzfluh durch den „Rachen“ zu besteigen. Während Petra, Hans, Klaus und ich die „leichtere gipfellose“ Variante über den Bilken Grat wählen. In der Scharte am Schwarzhorn, wo gut sichtbar schwarzes Gestein in das Kalkmassiv hineinreicht machen wir Mittagsrast.

Auf der grasbewachsenen Almwiese breiten wir uns aus und genießen die Ruhe. Unsere Aufmerksamkeit richtet sich aber schon bald auf den gegenüber liegenden von Murmeltier- Höhlen durchlöcherten Südhang. Wahrscheinlich hat man schon lange keines von den putzigen Tierchen zu Murmeltierfett verarbeitet, denn sie zeigen kaum Angst vor Menschen. Als ich so vor mich hin dösend und essend in der Sonne liege, beobachtet mich ein besonders neugieriges Exemplar aus geringer Entfernung. Auch als ich meinen Fotoapparat heraus hole, zeigt es keinerlei Scheu.

Erfreulicher Weise beziehen wir in der Tilisuna Hütte keine Massenlager, sondern Zimmer mit Etagenbetten. Helmut, der bärtige Hüttenwirt, erklärt Heinz einen zwar weiteren aber auch schöneren Weg zur Carschina Hütte in der Schweiz.
Hans erzählt uns einen Schweizer-Witz: Als Gott die Welt erschafft, fragt er die Schweizer, was sie haben möchten. 3 Wünsche werden erfüllt. Schöne, hohe Berge, war der erste Wunsch, der auch sofort in Erfüllung ging. Der 2. Wunsch der Schweizer waren, Kühe, schöne, gesunde, milchgebende Kühe. Als der Wunsch erfüllt war, melkten die Schweizer auch sofort eine Kuh und tranken die köstliche Milch. „Möchtest Du auch einen Becher Milch?“ fragten sie den Herrgott. Er nahm und trank und sie schmeckte auch ihm. „Nun“ sprach Gott, „ihr habt noch einen dritten Wunsch.“ 3 Fränkli 50, antwortete der Schweizer.

Der Weg, zu dem der Hüttenwirt der Tilisuna Hütte uns geraten hat, ist wirklich wunderschön. Unterwegs geht’s vorbei an üppig blühenden Bergwiesen und bizarren Gipfeln. So erreichen wir einen verträumt liegenden Bergsee, auf dem bunte Ruderboote in der Sonne auf Kundschaft warten. Geschäftstüchtig, wie die Schweizer nun mal sind, kann man die Boote mieten. Die Tafel mit der Preisliste und die Box für das Geld sind gut sichtbar angebracht. Es ist ein fröhliches Bild und es ist heiß. Die Sonne scheint seit Tagen ununterbrochen. Uli traut sich mit aufgekrempelter Hose bis zu den Oberschenkel in das eiskalte Wasser des Sees. Klaus zieht auch seine schweren Bergschuhe aus. Genüsslich lassen Uli und Klaus vom Bootsteg ihre Beine ins Wasser baumeln. Faul sitzen wir anderen auf den Bänken und beobachten die Szene. Viele Schweizer sind hierher gekommen, nicht weit entfernt liegen schon die ersten Häuser.

Der Weg führt hinunter auf einer gut geteerten Straße. Wer möchte kann sich einen Roller für die Abfahrt leihen. In Reih und Glied stehen die Roller abfahrbereit. In einem Kasten befinden Helme zur Sicherheit der Benutzer. Die Tafel mit der Preisliste und die Box für das Geld sind gut sichtbar angebracht.

Die urige, Schweizer Carschina Hütte sehen wir von weitem. Trutzig seht sie, lawinensicher auf einem Vorsprung vor einem Felsmassiv. Sie ist kleiner und älter als die umliegenden, vorherigen Hütten. Sollten mehr Wanderer kommen, als die Hütte eigentlich fasst, legt der Hüttenwirt einfach ein paar Kissen und Zudecken zusätzlich auf die schon schmalen Matratzen. Da auch das an diesem Abend nicht reicht, legt man nach dem Essen Matratzen auf den Boden des Speiseraums.

Auf der Speisekarte entdecke ich noch ein paar nette Aufforderungen für den Gast. Der Wanderer wird gebeten, nachdem er den Tisch abgeräumt hat, nach einem Tuch zu fragen und die Tischplatte mit dem Tuch sorgfältig zu reinigen. Hier sind wir weit weg vom Geschehen im Tal., kein WLAN, Radio oder Fernseher. Wanderer werden gebeten, evtl. mitgebrachte Zeitungen dem Hüttenwirt zum weiterlesen zu überlassen. Auf jeden Fall ist hier echt urige Hütten-Atmosphäre. Ein Teller für alle Gänge. Schwungvoll wird das Essen serviert. Die flotte Bedienung stellt einen Schemel an unseren Tisch, stellt den großen Kochtopf mit der Suppe darauf und verteilt mit einer großen Schöpfkelle die Maissuppe. Petra meint: „Flüssige Polente“, aber sie schmeckt köstlich. Der Hauptgang ist eine Schweizer Spezialität: Nudeln mit Kartoffeln in einer hellen Specksoße. Dazu wird Apfelmus gereicht. Nach dem Essen hole ich die Karten. Petra legt ihr E-Book mit 500 gespeicherten Büchern beiseite, Gerd hält das Geschehen auf einem Blatt Papier fest und Uli wirft schwungvoll die Trümpfe auf den Tisch. Die Wangen glühen und daran ist nicht allein die Sonne schuld.

Eine enge, steile Treppe führt hinauf zum Matratzenlager, wo wir dicht gedrängt auf schmalen Matratzen schlafen werden. Ich präge mir den Weg zur Toilette ein: Erst die steile Spartreppe, dann links die Türe, den Gang entlang, wieder eine Treppe hinunter, den Raum mit den Wäscheleinen durchqueren, vorbei an den langen Stahl- Waschtischen, dann links ist die Damen-Toilette. Vielleicht sollte ich heute Abend nicht so viel trinken.

Auf dem Weg zu letzten Hütte, der Totalphütte, 2385m haben wir die Schesaplana 2965m, vor Augen. Aber nicht nur der Blick in die Höhe, auch der in die Tiefe zum glänzenden, türkisfarbenen Lüner See ist atemberaubend. Der zweite Teil des Weges führt stetig auf und ab durch eine herrliche Landschaft mit sanften Berghängen. Dann werden die Felsen kantiger, wir suchen den Übergang in der Gamslücke. Der Aufstieg erfordert Trittsicherheit und kostet bei der Hitze Schweiß. Kritische Stellen sind mit Ketten und Seilen gesichert. Unterhalb des Schneefeldes liegt die Hütte. Von dort soll der Aufstieg zur Spitze des höchsten Berges des Rätikon, der Schesaplana erfolgen.

Die letzte Nacht unserer Tour verbringen wir in einem 20 Mann-Matratzenlager unterm Dach. Rechts von Petra und mir liegen zwei ständig kichernde Holländerinnen. Auf der anderen Seite haben sich gestandene Bergsteiger vom Bodensee ausgebreitet. „Unsere“ Männer liegen uns gegenüber. Wir erwarten eine geräuschvolle Nacht. Aber nicht nur das. Es wird windig und kühl.

Nach einer so sonnigen Wanderung trauen wir unseren Augen nicht, als wir noch schlaftrunken aus dem Fenster schauen. Es regnet! Tiefhängende Wolken versperren den Blick auf den Gipfel der Schesaplana. An einen Aufstieg ist nicht zu denken.
Gestärkt nach einem ausgiebigen Frühstück, ziehen wir die Regensachen an, schultern zum letzten Mal die Rucksäcke und wandern Richtung Tal. In Serpentinen führt der Weg zum Lüner See, der sein schimmerndes Türkis in ein undefinierbares Grau getauscht hat. Vorbei geht es an der gastfreundlichen Douglas Hütte weiter hinunter ins Brandner Tal. Schon hat es aufgehört zu regnen. Die Sonne schenkt uns wieder wie gewohnt ihre Wärme und strahlt auf die verschwenderisch blühenden Almwiesen.
 

No Altitude
Trackstatistik: 
0.00Km

Standort

Standort:
Lünersee
Österreich
47° 3' 9" N, 9° 45' 11.0016" E