Eine Zeitreise - Radtour im Baltikum


Bei Wolfram Webers Angebot im Bergfreund „Baltikum per Rad“  fühlte ich mich direkt angesprochen. Andere Kulturen, andere Lebensweisen und deren Geschichte selbst zu erfahren finde ich sehr interessant. Ich bekundete ihm also mein Interesse. Ein halbes Jahr später, am 2. Juni ging´s mit einem großen Fährschiff von Kiel über die Ostsee nach Klaipeda, an der Kurischen Nehrung in Litauen.

In diesen drei Wochen bekamen wir einen kleinen Eindruck von den anderen Kulturen und Schicksalen der Bevölkerung von Litauen und Lettland. Ein Teil dieser Kulturen wurde durch deutschen, polnischen, russischen, finnischen und zuletzt auch sowjetischen Einfluss geprägt. Den deutschen Einfluss belegen Burgen, Kirchen und Handelshäuser des deutschen Ordens und der Hanse. Von der zuletzt sowjetischen Herrschaft zeugen Plattenbauten, dem Verfall preisgegebene Kolchosengebäude und Industriekomplexe.

Beeindruckt hat mich der Nationalstolz der Litauer und Letten, die für ihre erneute Unabhängigkeit sehr kämpfen und Opfer bringen mussten. Beide Länder sind von der Natur geprägt durch: große Waldflächen, viele Seen aber auch Landwirtschaft. Außer den Städten und mehr-oder minder großen zersiedelten Orten bemerkten wir viele abgelegene Häuser mit kleinen Nutzgärten, Hühnern, ein-bis drei angepflockten Kühen und Ziehbrunnen.  Für mich ein Zeichen eines autarken Lebens.Viele der großen Kirchen und andere alte Gebäude werden heute als Museen, Bibliotheken oder für Kunstausstellungen genutzt. Wobei die Renovierung oder Rekonstruktion mit Mitteln der EU unterstützt wurde, was durch entsprechende Hinweise an diesen Gebäuden sichtbar ist.

In beiden Ländern müsste die Geburtenrate sehr hoch sein, wenn es nach der Anzahl der Störche und Storchennester ginge. Aber das Gegenteil ist der Fall. Die Bevölkerung schrumpft, wie auch bei uns. Angeblich dort aber, weil junge Menschen wegen Arbeit in die westlichen Industrieländer abwandern. Es stehen sehr viele Häuser leer und werden zum Verkauf angeboten.

Die 1400 km Radfahren in diesen drei Wochen war für mich, als Gelegenheitsradfahrer, schon eine Herausforderung. Unsere Radtour: erst durch den Nationalpark der Kurischen Nehrung nach Süden nach Nida, dann ostwärts quer durch Litauen bis Vilnius. Dann nordwärts, nicht weit von der Weißrussischen Grenze entlang nach Zarasai. Von dort weiter nach Daugavpils in Lettland und nun an der Daugava nordwestlich nach Riga. In der letzten Woche von Riga dann an der Ostseeküste an der Rigaer Bucht westlich entlang bis zum Kap Kolka, und weiter nun südlich zur Kurischen Nehrung, nach Klaipeda.

Wegen der hohen Verkehrsdichte auf den Hauptverbindungsstraßen zwischen den Städten, sind diese zum Radfahren nicht besonders geeignet. Auf den Hauptnebenstrecken ist es wesentlich ruhiger. Als Radfahrer ist das vorankommen auf den untergeordneten Nebenstrecken meist beschwerlich, es sind Schotterpisten wie Waschbretter und bei Trockenheit sehr staubig und weich-sandig. Schweizer nannten diese Strecken „Hodenschüttler“. Vorbeifahrende Autos hüllten uns in Staubwolken.

Ich danke Wolfram für die Tourenplanung und die konditionelle  Rücksichtnahme auf mich. Wegen seines Geschicks bei der Suche nach Übernachtungsmöglichkeiten blieben die Kosten in einem sehr geringen Rahmen und stehen in keinem Verhältnis zum Erlebten und den Eindrücken.

Mein Resümee: Man braucht sich nur zuzutrauen, mit dem Rad fremde Kulturen zu erleben, auch ohne Kenntnisse der Landessprache. Wir begegneten immer freundlichen, hilfsbereiten Menschen. Entgegen den Vorurteilen, uns ist nichts abhanden gekommen. Meine Radpanne konnte sehr preiswert behoben werden, kein Versuch mich in meiner Not über den Tisch zu ziehen. Eine sehr günstige alternative Reisemöglichkeit in diesen Ländern ist die Nutzung von Bahn und Bus, mit den dann allerdings nur punktuellen Eindrücken.

Nochmals Dank an Wolfram, aber auch an unsere Ehefrauen Rosi und Anita, für diese drei erlebnisreichen Wochen. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Text und Bilder: Rudi Rohn

 

No Altitude
Trackstatistik: 
0.00Km

Standort

Standort:
Baltikum Riga
Lettland
56° 57' 0" N, 24° 6' 0" E