Dolomiti Brenta Trek


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09/2013

Von Nord nach Süd über einsame Steige durch das Massiv der Brenta.

Nach ausführlichem Artikel in Panorama 3/11 hatten wir eine solche Tour für 9/13 angeboten. Ich war 6/75 nach meiner letzten Diplomprüfung von Berlin kommend dort vom Molvenosee aus aufgestiegen und im Schnee hängengeblieben und wollte diese imposanten Felstürme und eventuell auch Steiganlagen zT ja noch aus dem ersten Weltkrieg noch einmal persönlich erlebt haben. Trotz des meinerseits unpräzise angegebenen „Schönwettertermins“ hatten sich mit Klaus und Hans zwei ältere Semester als Interessenten gemeldet. Aus Termingründen blieb dann nur Hans als Klettersteigspezialist übrig und wir hatten ausführlich abgestimmt, wie eine Route aussehen könnte, die sowohl einen Gesamteindruck vom Massiv wie auch von Steiganlagen bieten könnte. Der eher einsame Nordosten des Massivs hat im September kaum Quartiermöglichkeiten, die berühmten Bären werden diese Einsamkeit dort zu schätzen wissen; auf den „Modestrecken“ wird man sowieso keine Chance haben, auch nur Spuren von Bären zu entdecken! Also entschieden wir uns für eine Durchquerung von Nord nach Süd mit Abschluss auf der Schauseite des Gesamtmassivs bereits westlich von Madonna di Campiglio, von wo aus die Kalenderfotos der Brenta in voller Breite und wie erhofft dann tatsächlich auch bereits mit Schneehauben in der Sonne aufgenommen werden. Wir lassen den Wagen von Bozen über den Mendelpass mit wunderbarer Aussicht kommend an der Bahn im Tal stehen. Ein Haltepunkt mit elektronischer Anzeige der Wartezeit bis zum nächsten Zug, die autonomen Provinzen Südtirol und Trient sind erkennbar wohlhabend! Der Aufstieg zur Rifugio Peller unter dem Gipfel des gleichnamigen Berges wird vom Summit Club, an dessen Tour ich mich etwa orientiert hatte, wohl mit dem Jeep vorgesehen, wir steigen die 1200 m zwischen Him- ,Blau- und Erdbeeren gemütlich zu Fuss auf. Am Nachmittag ist kein klares Wetter mehr, wir lassen den Gipfel für den nächsten Morgen. Der Wirt kann Massen von Tourengehern auf der Brenta-Runde in seiner sowohl für Experten wie für Country-Variantengeher vorgesehenen Hütte nicht bestätigen und rundet unsere Rechnung nach unten ab! Wir steigen zum Gipfel auf mit ganz kleinen Sicherungsstellen, grüßen die Eisgipfel der Ortlergruppe und wandern zur ersten Alm (Malga Tueno), die als Übernachtungsstützpunkt vorgesehen ist. Am frühen Nachmittag dort angekommen wird klar, dass dies keine Gastwirtschaft sondern Alm mit Übernachtungsmöglichkeit ist. Der Tag ist sonnig und noch lang, so lockt uns der 560m steil unter uns liegende grünschimmernde Tovelsee mit Einkehrmöglichkeit für Kaffee und Kuchen. Ohne Gepäck ist das in beiden Richtungen nicht weit weg von einer Stunde und die Sonne schien auf die Terrasse, wo wir uns wie erhofft ganz lecker stärken konnten. Abends wurde auf einer Art großem Hausflur serviert, die Jacken durften und mussten im ungeheizten Raum anbleiben. Die Alm mit Käserei wird von einer Gruppe von Aussteigern betrieben, denen ein Zeitungsartikel gewidmet war, der aushing. Jungvieh, das seinen ersten Sommer dort oben verbracht hatte, sollte per Anhänger ins Tal kutschiert werden und wehrte sich standhaft, den Anhänger zu betreten. Die Blutergüsse im Fleisch der dann doch irgendwie hineinbugsierten Viecher werden bis zum Schlachttermin abgeklungen sein, einer jungen Frau aus dem Team war das so peinlich, dass sie meinte erklären zu sollen, dass die Verladeaktion sonst nicht so problematisch ablaufe. Ein zahmes Hängebauchschwein sah ganz ungerührt und interessiert zu. Am nächsten Morgen nach einer gefühlten Mokkatasse voll Kaffee bei Sonnenschein Aufbruch zu den unmißverständlich in der 1:25000 Karte eingezeichneten Leitern. Diese Karte hatte die Touristorganisation vor Ort mir bei meiner ersten Anfrage direkt mal frei neben vielem anderen Material geschickt, es sollen ganz offensichtlich vermehrt Tourengeher dorthin gelockt werden! Absprachegemäß hatten wir weder Helm noch Klettergurt mitgenommen. Hans war in seinem Leben schon viele Klettersteige gegangen, hatte uns vorher Bilder von etwa dieser Stelle gezeigt und meine Frau und ich haben keine Probleme, irgendwo hinauf oder herunterzuschauen. Immer noch strahlende Sonne, es sind mit Zwischenpodest 3 Etappen von U-Eisen in der in südlicher Richtung nach unten abzusteigenden Stufe, die auch nicht immer fluchtend eingeschlagen sind. Wir sind allein dort, lassen genügend Abstand für eventuell doch losgetretene Steine und bewältigen diesen Abstieg ohne Probleme. Hochalmartig geht es weiter Richtung Süden zum Groste-Pass, der sich schon von weitem mit einem Sendemast als Stützpunkt der Zivilisation ankündigt. Dort ist die Bahn von und nach Madonna noch in Betrieb, von hier können berühmte Klettersteige mit minimalem Aufstiegsaufwand erobert werden. Voll ausgerüstete Gruppen kommen auch schon wieder davon zurück. Hans widersteht der Versuchung nicht und eröffnet uns, dass er per Bahn abfahren, im Tal in einem schönen Quartier regenerieren und bis zum Tourabschluss auf uns warten möchte. Ich gebe ihm die Autoschlüssel mit der Bitte, eventuell dann doch den Wagen schon bis Madonna wieder hochzuholen; auf der Rückfahrt könnten wir so eine Übernachtung sparen! Bis zur Graffer-Hütte sind es nur wenige Minuten, wie erhofft haben wir auch hier im September kein Problem mehr, ohne Voranmeldung Betten zu bekommen. Wir treffen Paare wieder, die andere Varianten gegangen sind, ein Austausch natürlich auch über Tipps für alle möglichen schönen Touren ist immer willkommen. Von hier war die „Expert-Route“ als technisch wirklich anspruchsvoll in der Beschreibung gekennzeichnet; also hatte ich geplant, diese Steige südlich zu umgehen und noch einmal aus dem Schutt in den Wald und Almgürtel hinabzusteigen. Wieder eine eher weniger begangene Variante, die sich aber im Abstieg vom Clamer-Pass als zumindest für Anfänger absolut ungeeignet erwies. Dort hatte offenbar im letzten Jahr ein gewaltiger Murenabgang auch den alten Weg weggerissen. Am Auslauf dieses Sturzes steht die Hütte Croz d'Altissimo wohl schon immer mit einer gebauten Lawinenablenkmauer gesichert. Auch hier auf der Sonnenterrasse mit Talausflüglern gemeinsam Kaffee und Kuchen vor dem letzten Anstieg dieses Tages zur Rifugio Selvata. Dort geht die Sonne gerade hinter den umliegenden Türmen unter, die vom Molvenosee her gekommenen Tagesgäste brechen wieder auf. Aber auch von Tosa/Pedrotti kommen Gäste herunter, darunter eine Gruppe junger Italiener in Turnschuhen und kurzer Hose im Laufschritt vielleicht im Training oder auf Rekordjagd. Die Hüttenwirtsleute mit kleinem Kind laut Homepage hatten für so ein schönes Wochenende mit viel Betrieb das Kind wohl der Oma im Tal anvertraut, am Abend telefoniert die Mama lange. Am nächsten Sonntagmorgen ist es zwischen diesig und neblig, kein ideales Wetter für die Klettersteiggeher, die wir auf den beiden folgenden Hütten etwas ratlos auf Sicht wartend treffen. Wir sehen die Hütte Tosa/Pedrotti erst als wir direkt davorstehen, vom Clamerpass gestern hatte das rote Dach schon weit herübergeleuchtet. Richtung Brentei-Hütte sind wieder einige Kreuze als Kraxelstellenmarkierung in der Karte, laut Beschreibung kein Problem und nur eine gute Stunde Wegstrecke. Die Sicht bleibt schlecht trotz Ahnung ab und zu vom Blau über den Wolken, in denen wir stecken. Ein Mann versucht seine Frau ohne Rucksack und offenbar auch Bergerfahrung zum Weitergehen zu überreden, wir können nur sagen, dass es nicht viel schwieriger wird. Hinter der Scharte liegt ein gar nicht so kleines Altschneefeld, schmutzig-graue Trittspuren ohne großes Gefälle wollen bewältigt werden. Irgendwo hatte ich beide Hände nötig und die alte Kamera vorne in die Jacke gesteckt. Nun liegt sie wohl da oben unbemerkt herausgerutscht und wird den Regen bzw Schnee der darauffolgenden Nacht kaum unbeschadet überstanden haben, falls sie denn je gefunden und sogar im Touristbüro Madonna oder auf einer der beiden Hütten abgegeben werden sollte. Das Wetter besserte sich nicht, wir steigen wie geplant über Brentei Richtung Madonna ab und finden an der Stelle , wo unsere Karte von 2012 noch eine Hütte verzeichnet, eine Baustelle für ein Appartementhaus. Dort ist aber auch schon eine Bushaltestelle der im September sogar noch glücklicherweise nur am Sonntag bis nach Madonna hinunterfährt. Der allein in seinem Bus wartende Fahrer wollte ungestört Fußball hören und ließ uns 20 Minuten im Nieselregen draußen stehen. In Madonna steigen wir wieder Richtung Passo Carlo Magno auf, denn die von mir anvisierte Hütte Rifugio Viviani Pradolago hatte einen Blick in ihre Zimmer hinein auf ihrer homepage ermöglicht. Nach den eher schlichten (oder schlechten?) Betten der letzten Tage die ultimative Motivation auch für Anita, noch einmal 500 m für die 9. Stunde des Tagesmarsches in Angriff zu nehmen. Zwei Einheimische behaupten, die Hütte wäre geschlossen, den zweiten nötige ich zum Kontrollanruf: Es ist offen! Und die Hütte hält, was die Bilder versprochen haben: Doppelbett, Dusche, WC, alles wie im Hotel und am Ende doch eher zu Hüttenpreisen! Sie liegt auf knapp 2200m an der Bergstation einer Skiabfahrt und wird wie unsere Krefelder Hütte ihr Hauptgeschäft in der Wintersaison machen können aber auch müssen. Schneekanonen dicht an dicht! Gegenüber liegt das ganze Brentapanorama, das am nächsten Morgen nach stürmischer und regnerischer Nacht mit den erträumten Schneehauben in der Morgensonne grüßt. Da erst fehlt plötzlich der Fotoapparat! Wir bekommen eine Empfehlung für eine Rundtour über den Monte Zeledria und diverse Seen in der Gegend, ohne großen Rucksack eine Erholung. Voller Frust schreibe ich im Gipfelbuch meine Fotoverlustmeldung ein. Diese Seite des Tales von Madonna ist geologisch nicht mehr den Dolomiten zuzurechnen, der ganze Charakter und das Gestein erinnern sehr an Korsika! Wir sind am Abend wieder die einzigen Gäste auf der Hütte, beim Abschied nächsten Morgen in der Sonne wird uns wieder ein Rabatt und eine flüssige Erinnerung mitgegeben! Auf der Malga Zeledria (Alm) kaufen wir noch Käse, Salami und Speck und am Pass treffen wir verabredungsgemäß Hans wieder. Der hatte zwar am Morgen auch sein Smartphone verloren, aber das konnte er noch einmal nach Madonna wieder hinuntergefahren glücklicherweise noch finden!

 

Fazit: Die im Panorama beschriebene Tour wird kaum einer mit oder ohne Führer insgesamt machen, die Kombination von Technikexperte und Langtrecker ist doch eher selten. Dennoch eine Gegend, die für jeden Geschmack etwas bietet, variantenreich kombiniert werden kann und wie immer bei entsprechend schönem Wetter tolle Motive bietet.

 

Wolram Weber

 

No Altitude
Trackstatistik: 
0.00Km
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