Alta Via Due - Südseite des Aostatals


Untertitel: 
Tourenbericht

Geht es noch? Ja, es geht noch! - Ein sehr persönlicher Tourenbericht von Wolfram Weber.

Entgegen der Ausschreibung waren mein Sohn Malte und ich doch schon am Sa 30.8. 2014 um 4 Uhr morgens Richtung Aostatal losgerollt. Johannes und ein weiterer Interessent mussten aus Termingründen leider verzichten. Die Prognose versprach weitestgehend schönes Wetter. Am frühen Nachmittag konnten wir den Wagen in Chardonney abstellen und im Aufstieg testen, inwieweit die Führerangaben mit unserem Gehtempo vergleichbar waren. Es stellte sich heraus, dass wir tageweise und über die Gesamtdistanz nur irgendwo zwischen 66 und 80 % der angegebenen Zeiten benötigten, eine wesentliche Voraussetzung für die Durchführung in dem leider nur bis Mittwoch vollständig offenen Schönwetterfenster. 

In der schwach besuchten Privathütte am Miserinsee erleichterten wir abends erst einmal unsere Rucksäcke von Proviant anstelle unserer Reisekasse, kein Problem für die Wirtsleute.

Am nächsten Tag waren laut Führer für die jeweils knapp 1.300 m in An- und Abstieg über 9 Stunden via Cogne bis zur Rifugio Sella angesagt. Nach einem Milchkaffee im Tal vorbei an zum Teil schon erkennbar erheblich strapazierten MTB-Fahrern auf ihrer Rennstrecke kamen wir guter Dinge wieder weit vor dem Abendessen an, das meist erst 19:30 Uhr angesagt ist. Tolle Sicht bei blauem Himmel hatte uns den Tag über alle Anstrengung vergessen lassen. Diesmal war die Hütte eher voll, auch andere hatten das Wetterfenster genutzt, darunter eine junge Frau aus Kathmandu, die auf  mein Andenken - T-Shirt mit der Stickerei „Nepali flat – a little bit up and a little bit down“ aufmerksam geworden war!

Am Montag über den Col Lauson bzw Losson (das Aostatal ist offiziell it/fr zweisprachig) mit 3.299 m zum höchsten Punkt der Tour. Erst kurz vorher, dann aber umso eindrucksvoller, zeigt sich die gesamte Monte Rosa Gruppe vom Breithorn bis zur Dufourspitze in strahlendem weiß am Horizont, alle Erinnerungen an die Touren in diesem Gebiet werden wach! Für eine ausgiebige Rast am Col ist es trotz Sonnenschein zu kalt und zugig, an einer Alm im Windschatten viel tiefer sammeln sich einige, auch einzelne Tourengeher und staunen wiederum über MTB-Fahrer oder sollte man besser Träger sagen, die ihr Sportgerät die umgekehrte Strecke wohl mehr tragen müssen als fahren können. Im Tal nun wirklich schon kurz nach Mittag ist als (einziges) Quartier im Führer „posto tappa Paradis“ angegeben, in Wahrheit ein wirklich ansprechendes Hotel, das ehemalige Zimmer zu Stockbettenlagern umgestaltet hat. Alles andere, Sanitäreinrichtungen, Essen und Service entspricht einem Hotel! Der Seniorchef begrüßt alle Ankömmlinge vielsprachig, nur das Ivrit (Neuhebräisch) von Jonathan ist nicht dabei. Wir pilgern im Valsavarenche talabwärts zum nächsten Campingplatz auf der Suche nach Brot und werden fündig. Zurück am Hotel nehmen uns Laura, eine junge Deutsche und ein Schotte, der ebenfalls allein unterwegs ist, Brot und Wurst aus unserem Fundus gerne ab.

Am Dienstag ist der Übergang über den gut 3.000 m hohen Col Entrelor ins Val di Rhemes vorgesehen, unter normalen Verhältnissen sollten wir dort wieder am frühen Nachmittag angekommen sein. Nach der Nacht im „Paradis“ und Bodenfrost beim morgendlichen Aufbruch scheint die Sonne ohne ein einziges Wölkchen vom Aufgang bis zum Untergang. Im Norden begleitet uns beim Aufstieg die majestätische Kulisse des Grand Combin. Gegen Ende der Woche sollte es wieder wolkiger werden, immer noch eine Prognose, aber wenn wir die Option eines „Durchmarsches“ bis Courmayeur offen halten wollten, waren heute zwei Pässe bzw. Tagesetappen angesagt.

Ich horche mittags in Rhemes Notre Dame beim Erdnussimbiss im Schatten eines Buswartehäuschens in meine Knochen hinein und muss Malte, aktuell in der Form seines bisherigen Lebens, Recht geben, einen solch perfekten Tag mittags abzubrechen wäre unverzeihlich oder mindestens unsinnig. Also „nur“ noch einmal 1.118 m hoch zum 2.840 m hohen Col Fenetre und von dort 470 m hinab zum Chalet d'Epee. Am Beginn des Weges steht ein Hinweis auf eine Baustelle zwischen 2.600 und 2.800 m Höhe. Dort oben liegen zunächst einmal viele imposante Steinböcke aller Altersklassen auf dem Weg, erstaunlicherweise mit Chip im Ohr und ein Tier sogar offenbar mit Halsbandsender. An der angekündigten Baustelle kommen uns drei Arbeiter im Abstieg entgegen. Sie waren damit beschäftigt, den weggespülten Weg im Steilhang von Hand mittels  enorm großen Drahtkörbe, mit Steinen gefüllt, wieder aufzubauen. An dieser Stelle zeitweise für alle eben mal ohne Weg, aber nachmittags im Schatten und bei angenehm kühlendem  Wind, die letzten Meter zum Col. Der Abstieg von dort wieder in der Sonne nach Westen ins Valgrisenche mit Sicht auf unzählige für uns namenlose Gipfel und Grate ohne bemerkenswerte Schwierigkeiten. Die Temperaturen und der Wind sind angenehm und als wir die Hütte sehen, ist klar, dass wir hier wieder unser eigenes Abendbrot auf der Sonnenseite der Hütte im Windschatten natürlich draußen einnehmen werden. Zuerst scheint nur der Hüttenhund begeistert von unserer Ankunft und Abwechslung seines Tages zu sein. Im Laufe der nächsten Stunde tauchen immer mehr kleinere und größere Kinder aus dem 800 m tiefer liegenden Tal auf, die offenbar sogar in einer Art Wettrennen aufsteigen und von nur mutig wenigen später sukzessive eintreffenden Erwachsenen begleitet werden, sodass wir  gar nicht mehr so allein sind. Die zuerst eingetroffenen etwas Größeren testen generationstypisch nach Ankunft sofort, ob ihre kleinen elektronischen Begleiter Empfang haben oder nicht. Alle werden am nächsten Morgen früh Richtung Col und danach Baustelle im Abstieg aufsteigen, trotz offensichtlicher Grunderfahrung mit Touren ein Unternehmen, dass in Deutschland mit seinen Haftungsfragen und sonstigen Bedenken kaum durchführbar erscheint.

Courmayeur bleibt nur erreichbar, wenn wir am nächsten Tag die „alte Variante“ unseres Führers von 1998 wählen über den Col Planaval, von dem es dort ausdrücklich noch heißt: „Achtung: Die Übersteigung des Col Planaval stellt Schwierigkeiten dar und erfordert den Gebrauch von Steigeisen und Pickel“, die wir natürlich nicht dabei haben. Im Führer 2014 ist dieser Übergang ersetzt durch zwei andere, was die Tour um einen Tag verlängert und eine Nacht in einem eigens deshalb errichteten Biwak erfordert. Andi Dick hatte im letzten DAV-Panorama völlig zu Recht geschrieben, dass klugerweise das Potential aller(!) Tourenteilnehmer nie vollständig ausgeschöpft werden sollte, um hinreichende Reserven für unvorhergesehene Probleme zu bewahren. Ein alter Einzelgänger aus Lausanne konnte - zu diesem Übergang befragt - nur sagen, dass er mit „Schlappen“ unterwegs war, auf denen er alle(!) Hüttenstempel sammelnd unterwegs war! Andererseits liegt der Übergang fast genau ost-westlich, sodass die besonnte Flanke seit 1998 längst eisfrei geworden sein sollte, zumal wir auch seit Wochen keine großen eventuell dort als Schnee gefallenen Niederschläge mehr gehabt hatten!

Wir brechen auf und Malte stellt fest, dass es heute feuchter sei als sonst und er genau wie ich stärker schwitzt. Das stimmt beides, aber ich weise darauf hin, dass nach tiefer Ausschöpfung unserer Glykogenreserven am Vortag (+2.462, -1.398 Hm) das Schwitzen einfach auch durch unter erneuter Belastung schneller einsetzende Fettverbrennung verursacht wird. In einer Nacht waren die Speicher einfach noch nicht wieder zu füllen! Nach Führer stehen über den Col Planaval wieder 9;50h an mit einem längeren Hatscher durch das gut sonnenwarme Valgrisenche vor dem eigentlichen Aufstieg. Am frühen Nachmittag stehen wir endlich am Abzweig des neuen Weges. Der Col ist gut einsehbar und wie geahnt zumindest an der Kante der Nordseite zwar so steil wie alle anderen auch jedoch dort schnee- und eisfrei. Alte nicht mehr erneuerte Markierungen erleichtern uns die grundsätzlich natürlich nicht zu verfehlende Orientierung. Schwitzend steigen wir zum Rand des Gletscherrestes bzw Schneefeldes. Sulzschnee oder Blockkletterei, ich wähle nach wenigen Kehren im Sulz die Blöcke, die allerdings jeweils sorgfältig auf ihre Stabilität unter der Zusatzbelastung meines Gesamtgewichtes geprüft sein wollen, damit nicht der ganze Haufen Schutt ins Rutschen kommt. Diesmal nicht sonderlich schnell auf den letzten Höhenmetern erreichen wir auf verschiedenen Routen beide den Pass, von dem sich der „Monarch“ Mont Blanc noch in voller Schönheit strahlend in der Sonne präsentiert.

Ich versuche gar nicht meine Erleichterung zu verbergen, die Anzahl und Größe der Steine, die mehr oder weniger frisch auf dem Schneefeld von beiden Flanken herabgestürzt aufgeschlagen waren, läßt mich einen besonderen Dank an unsere Schutzengel schicken. Später hören wir, dass nicht so sehr wegen des Restgletschers sondern genau wegen Steinschlaggefahr dieser Col aus der Standardstrecke herausgenommen worden ist. Der Anblick des Mont Blanc und des jetzt vor uns liegenden riesigen Rutor-Gletschers sind absolut eindrucksvoll, im Abstieg ergießt sich sein gesamtes Schmelzwasser in einem ebensolchen Wasserfall über eine Geländekante ins Tal. 

Die CAI-Hütte nach einer kleinen kettengesicherten Kraxelei an der Seitenmoräne am Ende dieses Tages ist wenig einladend und schon gar nicht familiär bewirtschaftet, dennoch spendieren wir uns als Belohnung zum ersten Mal Apfelstrudel und Kaffee. In den vergangenen Tagen hat die Sonne genügend Wasser verdunstet, sodass sich zunehmend Quellwolken gebildet haben und sowohl Richtung Poebene als auch Schweizer Unterland wieder eine geschlossene Wolkendecke zu registrieren ist. 

Nach Courmayeur wären es noch einmal mehr als 9 Führerstunden zum Schluß längs des Val Veny, wo wir auf unserer Mont Blanc Runde schon einmal bei schönem Wetter entlang gekommen waren. 

Donnerstag morgens fährt der Bus von Thuile um 9 Uhr ins Aostatal. Inzwischen wissen wir, dass wir trotz angegebener 2,5-3 h Zeit mit Frühstück um 6 Uhr den Abstieg von 1.059 Hm allemal rechtzeitig bewältigt haben werden. Wir haben in Thuile noch Zeit, Reste eines Bergbaukomplexes und zeitweiligen Kriegsgefangenenlagers anzuschauen, die mit dem nötigen historischen Respekt nun in das Ortsbild angemessen integriert werden sollen. 

Erfüllt mit Traumbildern schaukeln wir mit den Bussen Richtung Auto zurück, der alte Taxifahrer für das letzte Stück hinauf wieder nach Chardonney ist Jäger und erzählt halb auf französisch und halb auf italienisch von der Notwendigkeit, inzwischen doch wieder die Steinbockpopulation zu regulieren. Die aktuell vier Wolfsrudel im Aostatal reichen dazu nicht aus und Bären sind auch bei den dortigen Landwirten noch nicht sonderlich beliebt. Um Mitternacht  erreichen wir Duisburg, wo Malte wohnt und um 0:30 h krieche ich nach über 7.000 Hm  rauf und runter in 4 vollen Tourentagen und 2 Reisetagen immerhin schnell noch frisch geduscht ins Bett.

Geht's noch? Nach meinem Fahrradsturz im Mai auf das Knie mit enormem Erguss und bei dessen Anblick Wochen später augenrollendem Orthopäden war mir die Antwort auf diese Frage allein schon für die Planung weiterer zum Teil schon ausgeschriebener Touren wie Hardangervidda sehr wichtig:

JA, mit alterstypischen und durchaus relativen Einschränkungen geht es noch, GOTT sei Dank!! 

September 2014
Wolfram Weber

 
(Fotos: Wolfram Weber)
No Altitude
Trackstatistik: 
0.00Km

Standort

Standort:
Refuge Miserin
Deutschland
45° 36' 10.0008" N, 7° 31' 17.0004" E