09.06.2012 Vom Klettersteiggeher zum Kletterer


Untertitel: 
Kletterkurs in Chamonix

Johannes und ich (Bernhard) sind seit Jahren auf Höhenwegen und Klettersteigen in den Alpen unterwegs. An einem Sommerabend 2011 sind wir zum Training auf dem Klettersteig im Duisburger Landschaftspark. Animiert durch die vielen Klettermöglichkeiten beschließen wir einen Kletterkurs zu absolvieren. Abends schaue ich in den „Krefelder Bergfreund“ und finde Rudi‘s Angebot : Toprope Kletterkurs. Der Kursus wurde schnell in Angriff genommen. Nun

kletterten wir wöchentlich in der Hülser Kletterhalle. Als der „Krefelder Bergfreund“ 1/2012 erschien,  las ich von Rudis Kletterkursangebot in Chamonix: Klettern im Vorstieg, Mehrseillängenkurs, Standplatzbau, ablassen, abseilen, prusiken, klettern mit Halbseil sowie klettern am Naturfels mit Option Kletterschein Vorstieg – und dies alles für die Zielgruppe Hallenkletterer im Topropeklettern 5. Schwierigkeitsgrad. Ich fühlte mich sofort angesprochen, war allerdings skeptisch, ob es nicht zu früh sei, einen solchen Kurs zu belegen.

Beim nächsten Trainingsabend sprach ich mit Johannes über den Kurs. Wir entschieden – trotz aller Skepsis – uns für vorgenannten Kurs anzumelden. Am nächsten Tag kontaktierte ich Rudi und war erstaunt, dass sich noch kein Teilnehmer angemeldet hatte. Also gehörten zwei der insgesamt vier Teilnehmerplätze uns. Andreas, ein Freund aus der Rheydter Sektion kam als dritter Teilnehmer hinzu. Wir beschlossen zusammen mit Rudi vor der Reise nach Chamonix einen Vorstiegskurs in der Halle und im Duisburger Landschaftspark durch­zuführen, um in Frankreich mehr Zeit für die restlichen Kursinhalte zu haben. Einige Wochen vor Kursbeginn musste Johannes leider wegen einer Schulterverletzung beide geplanten Kursteilnahmen absagen. Alle Bemühungen einen Ersatzteilnehmer zu finden, blieben ohne Erfolg.

Also ging es am Samstag, dem 9.6.2012, zu Dritt nach Chamonix. Bei Sonnenschein kamen wir in der Mittagszeit an, bezogen unser Quartier in der französischen Alpenclubhütte und nun bewunderten wir vom Dorfplatz den Mont Blanc (4.807 m) – gigantisch! Dies war aber nicht unser Kursberg, sondern die Übungsfelsen und Klettergärten rund um Chamonix. Nachmittags erlernten wir den Bau eines Standplatzes mit der Nachstiegssicherungstechnik und kurze Zeit später waren wir in einer Zweiseillängenkletterroute. Am oberen Standplatz angekommen kam die Abseiltechnik hinzu – und so war der erste Tag schnell vorüber.

Wir wollten einige Klettergebiete rund um Chamonix beklettern, aber am nächsten Tag zog es uns wieder zum ortsnahen Kletterfels vom Vortag. Wir vertieften die erlernten Techniken und genossen die Felskletterei in der freien Natur. Gegen 16.00 Uhr fing es an zu regnen und die Wetterprognose für den Rest der Woche sah auch nicht vielversprechender aus. Am Montag Morgen war daher bei Regen die Hausflurtreppe unseres Quartiers das Übungs­gelände. Rudi zeigte uns die Technik des überschlagenden Kletterns. Da die Stufen breit genug waren und somit die Standsicherheit gewährleistet war, konnten wir uns voll auf die Technik konzentrieren. Nachmittags fuhren wir in eine nahegelegene Kletterhalle.

Am Abend berieten wir uns, schauten im Internet die Wettervorhersage an. Das Ergebnis: „Überall in Europa strömender Regen!“ – Sollen wir abbrechen und den Kurs zu einem späteren Zeitpunkt in Belgien weiterführen? Viele Fragen kamen auf und Enttäuschung breitete sich aus. Rudi zählte Klettergebiete auf, die in den Alpen noch in Frage kämen. Wir entdeckten, dass das Wetter ab Mittwoch am Lago Maggiore im Tessin vielversprechend aussah. Also entschlossen wir uns, unsere Hüttenschlafsäcke einzurollen.

Dienstag Morgen packten wir und ab ging es 300 km weiter in die Schweiz nach Locarno in die Jugendherberge. Am Nachmittag hatten wir unser neues Quartier bezogen und wollten uns unser Kletterrevier rund um Ponte Brolla im Valle Maggia ansehen. Auch dort waren die Felsen noch nass, aber die Sonne kam schon durch.

Wir freuten uns am Mittwoch Morgen, die Sonne zu sehen. Am Klettergebiet angekommen sahen die Routen zunächst sehr harmlos aus: Reibungsfels, flachgeneigt, französische Bewertung 4a bis 4c, bis 5 Seillängen á ca. 20 m, alles gut zu schaffen. Aber als ich in der ersten Kletterroute war, dachte ich, hier sind wenig große Griffe, der Fels ist noch ein wenig nass, die Kletterschuhe könnten wegrutschen – also ganz vorsichtig! Ich gewöhnte mich aber recht schnell an die anderen Felsbedingungen und wir kletterten den ganzen Tag und fühlten uns immer sicherer in all den neu erlernten Techniken.

Rudi, der schon oft in Ponte Brolla geklettert ist, zeigte uns aus der an diesem Tag letzten Kletterroute die „Speroni (Quarzo) di Ponte Brolla“, eine Kletterroute, elf Seillängen, Gesamtlänge 420 m, französische Bewertung 5a bis 5b, eine Stelle 6a. Sie war in einer Felsformation auf der anderen Talseite gut zu erkennen. Wir beschlossen, die „Speroni“ zu klettern.

Am nächsten Morgen packte jeder einen kleinen Rucksack mit Getränken, einem Snack, einem Fliespulli und Platz für die Zustiegsschuhe – und los ging es. Nach einer Viertelstunde Autofahrt und einer halben Stunde Zustieg standen wir vor der „Speroni“. Sitzgurt und Kletterschuhe zogen wir an. Die Expressen, Karabiner und der Tube kamen an die Material­schlaufen, die Selbstsicherung wurde eingebunden, Bandschlingen für den Standplatzbau kamen über die Schultern, den Helm auf, die Zustiegsschuhe in den Rucksack, ins Seil eingebunden, Partnercheck und los ging es in die erste Seillänge. Bei mir kam nach zwei bis drei Seillängen eine Unsicherheit auf. Mein rechter Kletterschuh verdrehte sich, so dass ich kein gutes und sicheres Gefühl hatte. Am nächsten Standplatz schnürte ich - so fest wie noch nie - den Kletterschuh nach und das sichere Gefühl kam wieder.

Ca. fünfeinhalb Stunden sind wir in der „Speroni“ geklettert und zufrieden oben ausge­stiegen. Bei einer anschließenden Rast erzählte Rudi, dass er diesen Kursinhalt in der Form, in so einem Gelände zum ersten Mal angeboten hatte und jetzt sehr zufrieden und glücklich über die letzten Klettertage und die Kletterei in der „Speroni“ sei. Wir fühlten eine Bestätigung durch Rudi, dass wir alles Erlernte richtig und gut umgesetzt hatten. Nach dem Abstieg, der durch unwegsames Gelände führte, übten wir an einer Fußgängerbrücke über der wilden Maggia das Aufsteigen am Seil mit zwei Prusikschlingen. Somit hatten wir alle Kursinhalte auch umgesetzt. Am nächsten Tag ging es nach Hause.

Rudi, VIELEN DANK, dass Du Dein Wissen und Deine Kenntnisse an uns weitergegeben hast, insbesondere auch dafür, dass Du uns so viel Vorschussvertrauen geschenkt hast und mit uns in die „Speroni“ eingestiegen bist. Dies war ein einmaliges Erlebnis!

Danke, Bernhard Kothen

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Trackstatistik: 
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