Start in die Vertikale oder: Vertical Limits (Pitztal, Ötztal, Gardasee)


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14.05.2011 - 22.05.2011

Unser Ziel, ArzI im Pitztal, erreichen wir bei strahlendem Sonnenschein. Am nächsten Morgen bei Regen aufgewacht, konnten wir im oberen Pitztal nur den Schnee vom Wegweiser schieben und den Rückzug antreten, das Murmeltier im gleichnamigen Steig hatte seinen Winterschlaf verlängert.

Voller Tatendrang in ArzI angekommen wagen wir uns trotz Nässe an den Steinwand-Klettersteig. Mit rutschigen Sohlen im recht erdigen Gelände des Steiges erkämpfen wir uns die ersten senkrechten Passagen der Nordwand und erreichen einen Standplatz, der eine Entweder-Oder-Entscheidung erfordert. Wir wählen Entweder: Die leichtere Variante führt durch eine Felsrinne und über eine erste Leiter. Wir erreichen, teilweise ausgepowert, aber glücklich die Aussichtsplattform. Von hier genießen wir den Blick über ArzI und das Pitztal.

Steinwand bei Arzl

Ein unvergessliches Erlebnis genießen wir im Ötztal: Wasserfall-Klettersteige stehen auf dem Programm. Der Stuibenfall-Klettersteig überzeugt durch eine märchenhafte Routenführung: Der Einstieg über die schwankende Seilbrücke begeistert, eine urgemütliche Felsnische mit Kletterbuch und Bank lädt zum Verschnaufen ein; schnell werden Pläne für eine Übernachtung an diesem idyllischen Ort geschmiedet. Da überrascht ein neues Highlight: Der »tollkühne Tanz« über die Seilbrücke an der Abbruchkante des unbändigen Wasserfalls, der hier durch ein riesiges Felstor tosend in die Tiefe stürzt und uns mit der Gischt seiner aufspritzenden Wellen mitziehen möchte. Das hat abenteuerlichen Charakter! 5 Sterne für diesen Auftritt!

Stuibenfall-Klettersteig, Ötztal

Der Klettersteig am Lehner Wasserfall bietet eine neue Herausforderung mit luftigen Ausblicken übers Ötztal. Kopf einziehen heißt es bei einer Querung unter den Überhängen einer Felswand mit ablenkendem Ausblick auf den Wasserfall. Da hat wohl der ein oder andere von unseren Helmen den Stoßtest bestanden. Kurz darauf folgt ein stark überhängendes Dach (D), ein Leistungstest für die einen, die anderen umgehen die Schlüsselstelle im leichteren Gelände und kommen auch zum Ziel.

Lehner-Wasserfall-Klettersteig, Ötztal

Der Leite-Klettersteig bei Nassereith zeigt uns deutlich spürbar die persönliche Leistungsgrenze. Da heißt es in die Hände spucken und Bizeps spannen, um die vielen plattigen Abschnitte, die teilweise sehr glatt sind, zu überwinden. Da perlt der Schweiß, die Knie zittern und die Arme melden Alarmsignale ins Hirn. Das funkt: »Notausstieg!« und kollidiert mit der inneren Triebfeder, diesen Steig zu schaffen. Das Marendplatzl mit dem Steigbuch lädt bald zu einer ausgiebigen Siesta ein, bevor eine lange »bequeme« Querung mit eingebauter Seilbrücke zur Überwindung eines tiefen Felseinschnitts zum Ausstieg führt.

Leite-Klettersteig, Nassereith

»Bella passeggiata« (Hab einen schönen Weg) ruft man uns in Mezzocorona vom Balkon zu, als wir auf dem Weg zum Via ferrata Burrone Giovanelli sind, ein nicht allzu schwieriger Schluchten-Klettersteig mit Panorama für Genießer. Schon der Einstieg aus einem Kessel mit herabstürzendem Wasserfall beeindruckt. Krass ist der Gegensatz, wenn man aus dem steinigen, sonnenbeschienenen Gelände ins kühle Halbdunkel der engen Klamm tritt, musikalisch begleitet vom  Donnern,  Rauschen und Tosen des Wasserfalls; ein Gang in die Unterwelt unter Ausschluss des Sonnenlichts. Natürlich sind die Bügel schon mal feucht und glatt, aber im »Bann der Klamm« beeindruckt das nicht. Den Weg durch die Klamm sucht man zwischen den Wasserläufen bis die Schlucht sich öffnet und mit einem herabstürzenden Schleierwasserfall grüßt. Ein großartiger Auftritt! Zur Krönung fahren wir nach einigen Waldsteigen mit der Seilbahn ins Tal zurück.

Sentiero Attrezato Burrone Giovanelli, Mezzocorona

Eine neue Herausforderung bietet der Sentiero Fausto Susatti, der uns auf den Cima Capi (909 m) bringt. Klettersteige beginnen nicht immer im Tal - nein! Zustiege mit atemberaubenden Tiefblicken auf Gardasee und Riva und die Reste historischer Bauten am Wegrand beleben den serpentinenförmig angelegten Aufstieg. Der Gardasee liegt 65 m über dem Meeresspiegel, die Anzahl der Serpentinen errechnet sich aus 65 ~ - Länge des Klettersteigs + Höhe des Gipfelkreuzes? Wer des Schwimmens nicht mächtig ist, sollte diese Tour nicht wagen, da er sonst im eigenen Schweiß oder in dem des Vordermanns ertrinkt. Umso größer das Gipfelglück! Was wäre ein Aufstieg ohne Abstieg! Die Bergab-Serpentinen lassen diese Tour zu einem echten Ausdauertest avancieren.

Sentiero Fausto Susatti auf den Cima Capi (909m), Gardasee

Welch eine Erholung dagegen der Ferrata Rio Sallagoni - ideal für heiße Tage, da eine wildromantische Schlucht in Felsspalten durchklettert wird, begleitet vom Rauschen des »Rio Sallagoni« und einer eindrucksvollen Beleuchtung durch schmale Lichtspalten, die eine höhlenartige Atmosphäre erzeugen. Der Steig ist relativ kurz und hat einige leichte Überhänge. Eine schmale Felsspalte lockt und dann steht man plötzlich in einer kleinen, urwaldähnlich anmutenden Schlucht, das saftig leuchtende Grün in der einfallenden Sonne, der sanft vor sich hin plätschernde Rio Sallagoni - einfach paradiesisch! Jetzt fehlen nur noch die Feuersalamander, doch die bleiben versteckt an schattigen Orten.

Ferrata Rio Sallagoni, Dro Sarcotal (Castel Drena)

Der Einstieg zum Sentiero Attrezzato del Colodri verläuft in wenigen Kehren durch ein weit verzweigtes Bouldergebiet. Die relativ leichte Kletterei macht Spaß, über eine letzte Steilpassage gelangt man auf eine Natur-Schaubühne, ein Karstplateau im Fischgrätenmuster mit wunderschöner Aussicht über Gardasee und Arco. Nur noch ein kurzer Fußweg und das Gipfelkreuz (400 m) ist erreicht. Natürlich zählt das Gipfelglück, aber der Colodri-Steig hat eigentlich nur ein Ziel im Auge: Der Abstieg nach Arco, die Eisläden und Klettergeschäfte, die man bei der Durchquerung der Stadt auf dem Weg zum Ausgangspunkt keinesfalls auslassen kann.

Sentiero Attrezzato del Colodri, Arco Gardasee

Via dell'Amicizia ist der Klettersteig, den man am Gardasee keinesfalls auslassen darf, da er durch seine spektakulären senkrechten luftigen Leitern ein Erlebnis der besonderen Art bietet und nur den absolut Schwindelfreien vorbehalten sein sollte. Zwischen der 40m-, der 15m- und der 70-m-Leiter gibt es kurze Geh- und Kletterpassagen. Die starke Frequentierung des beliebten Steigs und die Tatsache, dass immer nur 3 Personen gleichzeitig eine Leiter begehen können, führt am Fußpunkt der Leitern schon mal zum Stau, der jedoch der Kommunikationsförderung und dem Informationsaustausch unter den Klettersteig lern dient. Der große Vorteil der Leitern ist, dass man rasant schnell an Höhe gewinnt, da man sozusagen »Luftlinie« steigt und schon bald die metallene italienische Gipfelkreuzfahne auf dem Cima SAT Gipfel (1278 m) erreicht, um den Tiefblick auf Riva, Torbole und den Gardasee aufzusaugen. »Nur wo du zu Fuß warst, bist du wirklich gewesen«. Wir wandern talwärts und begegnen nun zum 3. Mal den Serpentinen, so dass wir wissen: Wir waren wirklich da!! Um keine Langeweile aufkommen zu lassen, hält die Natur zum Abschluss ein besonderes Schauspiel bereit: Ein durchziehendes Gewitter entlädt seine Energie und taucht uns in ein abkühlendes Nass, dass jedoch bei Ankunft in der Pension schon längst wieder vergessen ist.

Via dell' Amicizia auf den Cima S.A.T. (1278m), Gardasee

Die Klettersteigwoche für Alpinstarter war eine sehr abwechslungsreiche und klettersteig-technisch gesehen eine sehr informative erfahrungsreiche Woche. Durch die gekonnte Auswahl der Steige hat Rudi uns ein facettenreiches Programm geboten, dass uns nicht nur verschiedene Schwierigkeitsstufen (A - D) erfahren ließ, sondern auch die Vielfalt unterschiedlicher Klettervarianten aufzeigte, das Klettern im Gestein, das Klettern mit Hilfe von Stahlhaken, Stahlplatten, Stahlstiften, Leitern in jeder Länge, Seilbrücken über verschieden tiefe »Abgründe«. Ein großes Lob auch an die Wahl der landschaftlich wechselnden Kulisse! Rudi, es war eine traumhaft schöne Woche und ich bedanke mich für Organisation und Durchführung auch im Namen von Alfred, Andreas, Markus, Ludwig, Walter, Thomas, Hagen, Sven, Nina und Petra für diese unvergessliche Zeit.

No Altitude
Trackstatistik: 
0.00Km
AnhangGröße
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