Durchquerung der Stubaier Alpen, mit Besteigung des Zuckerhütl 3505 m


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24.07.2011 - 30.07.2011

Die Wettervorhersage für die Tourenwoche war reichlich durchwachsen, keine stabile Hochdruckwetterlage in Sicht, dafür wurde für fast alle Tage zumindest bedeckter Himmel und sogar etwas Regen angekündigt – keine besonders guten Aussichten für eine Woche in der 3000er Region.

Trotzdem machten wir uns unverdrossen in unserem angemieteten Vito wie geplant auf den Weg ins Stubaital. Los ging es morgens gegen fünf  bei strömendem Dauerregen, der erst ab Frankfurt nachließ. Nachdem der obligatorische Stau am Münchener Ring hinter uns lag, erreichten wir gegen 15:00 Uhr die Mutterbergalm (1720 m) am Talschluss des Stubaitals.

Die riesigen Parkplätze der Gletscherseilbahn machten bei dem trüben Wetter mit leichtem Nieselregen einen verlassen Eindruck. Ursprünglich hatten wir die Fahrt mit der Seilbahn geplant, um noch am gleichen Tag eine Eingehtour auf den  Großen Trögler machen zu können.  Zeitplan und Wetter sprachen dem aber dem entgegen. So vermieden wir die Bahn dann doch und stiegen aus eigener Kraft und mit ca. 13-14 kg Hochtourengepäck auf dem Rücken unterhalb der Seilbahn  zur Dresdner Hütte (2308 m)  auf.

Die Hütte bietet einiges an Komfort, z.B. Warmwasser mit Waschbecken und Heizung auf den Zimmern, aber auch den Charme eines auf Massenabfertigung ausgelegten Betriebs, wie er wohl eher von Skigästen geschätzt wird.

Für den nächsten Tag stand der Übergang über den Gaißkarferner zur Hildesheimer Hütte an. Ein Blick aus dem Fenster ließ es jedoch mehr als fraglich erscheinen, ob der wohl so ohne weiteres im Nebel zu finden sein würde.  Allerdings gab es hier reichliche Orientierungsmöglichkeiten durch die verschieden Seilbahnen. Karl, der den Weg schon einmal in anderer Richtung gegangen war, berichtete auch von  Stangenmarkierungen auf dem Ferner.  Das ließ uns den Entschluss fassen, es auf jeden Fall zu versuchen.

Am nächsten Morgen - Sonne- kaum zu fassen und auch 1-2 cm Neuschnee. So sah auch das Skigebiet frisch herausgeputzt aus. An der Station Gamsgarten auf 2600m dann schon 10cm Schnee, der  die eine oder andere Wegmarkierung verschwinden ließ.

Die Sonne  hielt nur  bis zur Station Eisgrat auf 2900m, dann hatten uns die Wolken eingeholt. Hier setzt der Schaufelferner an. Unter  den interessierten Blicken der wenigen Skifahrer und Ausflügler  packten wir das Seil aus. Das erste Mal wurde die Seilschaftsreihenfolge festgelegt – vorne Hubert, dann Jürgen, Martin, Alena und Karl, zum Schluss Gerd und Jochen. So aufgereiht übten wir schon einmal das gleichmäßige Gehen in der Seilschaft auf dem mit Schildern und Stangen markierten Fußweg an der Piste entlang hoch in das Eisjoch auf 3135 m. Beim Ansteigen nahm der Nebel weiter zu, so dass wir oben angekommen nur schemenhaft einige Skianlagen, aber keine Berge erkennen konnten.

Damit war klar, dass unser heutiges Hauptziel, die Stubaier Wildspitze, für uns unerreichbar war. Der Schaufelspitz (3333m) unmittelbar über dem Schaufeljoch sollte trotzdem auch bei diesen Bedingungen  gut machbar sein. Aber erst einmal finden im Nebel. Schließlich hatte Hubert die richtige Eingebung und steuerte bei vielleicht 50m Sicht zielsicher das Schaufeljoch an.  Von hier war der weitere Weg recht klar vorgegeben. In der blockigen Flanke und am Grat zum Gipfel lag einiges an Schnee, was Gamaschen und Pickel das erste Mal gut zum Einsatz brachte. 

Dann kurz etwas Sicht - da waren sie tatsächlich – die Stangenmarkierungen zur Hildesheimer Hütte.  Und auch unser heutiger  zweiter Gipfel, der Schußgrubenkogel  (3211 m) tauchte auf.  So war das Gipfelpanorama auf der Schaufelspitze stark eingeschränkt, festigte aber doch die Hoffnung, die Hildesheimer Hütte erreichen zu können.

Die Besteigung des Schußgrubenkogels nach Querung des Gaißkarferners erwies sich im Nebel als schwieriger als gedacht und verlangte einiges an Kletterei.  Nachdem auch der Stangenweg im Abstieg bei leichtem Schneetreiben gefunden war, erreichten wir eine Stunde später  die Hildesheimer Hütte (2900m).

Im Hochsommer oft bis auf den letzten Platz belegt, waren außer uns nur zwei weitere Gruppen auf der Hütte. Und am nächsten Morgen waren wir die einzigen, die von der Hütte zum Zuckerhütl aufbrachen. Erst am Pfaffenjoch trafen wir auf eine andere Spur.

Nach den Schneefällen der Nacht glitzerte  der Gletscher fast unberührt wunderschön weiß in der  Morgensonne. Vom Pfaffensattel aus beobachteten wir dann eine andere Gruppe, die ihren Weg durch den  steilen, verschneiten Felsaufbau hinauf zum Zuckerhütl (3505 m) suchte. Auf alten Bildern reicht Gletscher und Firn noch fast zum Gipfel.  Hubert meinte später, dass dieses Stück der heikelste Teil der ganzen Woche war.

Leider hatte sich die Sonne mittlerweile wieder hinter die Wolken zurückgezogen und vielmehr als die umliegenden Gipfel war an diesem Tag vom Zuckerhütl aus nicht zu sehen. Dafür hatten wir den Gipfel für uns allein. Um zur Siegerlandhütte zu gelangen, lag noch eine besondere Herausforderung vor uns. Vom Pfaffensattel aus stiegen wir über den versicherten Pfaffensteig ca. 200 Höhenmeter hinunter auf den Triebenkarlasferner.  Hubert musste etliche Meter Stahlseil in der ca. 50-70° steilen, von Felsriegel durchsetzen Wand aus Schnee und Eis ausgraben, um uns die Sicherung zu ermöglichen.  Gefragt war auch des Öfteren ein herzhaftes Zupacken ins  Stahlseil, wenn sichere Tritte für die Füße sich nicht finden lassen wollten. Mit 13 kg Gepäck auf dem Rücken nicht immer ein Zuckerschlecken. Darunter litten besonders die Handschuhe, die einige neue Löcher abbekamen. Obendrein zerbrach Karl seine Sonnenbrille, so dass er ohne Sonnenbrille, bei bedeckten Himmel, weitergehen musste. Hieraus entstand ein großes Problem, wie sich zeigen sollte.

Nach 12 Stunden kamen wir dann auf der Siegerlandhütte (2710 m) an. Der Aufstieg durch den Felsaufbau des Zuckerhütls und der Abstieg durch den Pfaffensteig hatten bei schwierigen Verhältnissen ihren zeitlichen Tribut gefordert.  Obwohl schon fast 20:00 Uhr, war der Hüttenwirt gnädig und entschädigte uns mit einer Riesenportion Spaghetti, vor der der eine oder andere kapitulieren musste.

Bis zum nächsten Morgen hatten sich Karls Augen richtig schlimm entzündet, so dass er fast nichts mehr sehen konnte. Als einziger Ausweg blieb ein Hubschrauberflug nach Innsbruck, wo er behandelt werden konnte. Nun nur noch zu sechst stiegen wir nach seiner Verabschiedung über einen schön zu kletternden Grat mit festem Gestein und wenig Schnee in der Morgensonne auf Richtung Hohes Eis (3388m). Am Ende des Grates war es dann aber schon wieder Schluss mit der Sonne und neue Wolkenfetzen hüllten uns ein. Einer Spur folgend erreichten wir  unproblematisch das Hohe Eis und bald darauf die Sonklarspitze (3467m). Um hinab auf den Übeltalferner zu kommen, war wieder leichte alpine Kletterei über einen verschneiten Blockgrat gefragt. Am Ende des Grates unten am Gletscher angekommen,  verschwand dieser in einer weißen Wand aus Nebeldunst. Kurzer vorher meinten wir beim Absteigen das Becherhaus gesehen zu haben. Später stellte sich heraus, dass das nur ein großer Steinblock auf einem Felsriegel mitten im Gletscher gewesen war.  Während wir noch verschnauften und über den Weiterweg beratschlagten, riss plötzlich der Nebel auf und mitten auf dem Gletscher stand plötzlich wie aus dem Nichts eine Dreierseilschaft, die eine für uns nicht nachvollziehbare  Richtung einschlug. Dann war es Alena, die als erste in einem Wolkenloch die Müllerhütte ausmachte.  Damit war der weitere Weg klar. Bei der Querung des Gletschers kam dann sogar noch die Sonne heraus.  Ursprünglich war das Becherhaus unser Ziel gewesen, aufgrund der besseren Rückzugsmögichkeit blieben wir aber auf der Müllerhütte (3143 m).

Dort hatte man an diesem Tag mit keinen Gästen mehr gerechnet. Nach uns kam nur noch eine italienische Dreierseilschaft an, sonst hatten wir die Hütte komplett für uns. Nachdem das Holz im  gusseisernen Kanonenrohrofen im Gastraum zum Knistern gebracht war, zauberte die Hüttenwirtin uns ein vorzügliches Dreigängemenü, wie es sich für eine südtiroler Hütte gehört.

Eigentlich war schon für diesen Tag eine heranziehende Kaltfront angekündigt worden, eine Stunde nach unserer Ankunft zog es dann auch komplett zu, auch die Vorhersage für die nächsten Tage war sehr ungünstig, von einem Nordstau war die Rede.

Wir planten deshalb  unseren  Rückzug ins Tal. Nach einem Steinschlag war aber der in den Karten noch eingezeichnete Weg über das Pfaffennieder nicht mehr begehbar. Als einzige Möglichkeit blieb der Abstieg über den nordwestlichen Seitengrat des Wilden Freiger  (Lübecker Weg)  zur Fernerstube und weiter  zur Sulzenauhütte.

Am nächsten Morgen – die dickste Nebelsuppe und Regen und das auf einer Hütte, die nur über Gletscher erreichbar ist. Das versprach, richtig spannend zu werden. Also ließen wir uns den Weg über den Gletscher hinauf Richtung Wilder Freiger von der Hüttenwirtin beschreiben und zogen los.

Bei geringer Sicht in eine ca. 30° steile Gletscherflanke einzusteigen hat schon was. Durch den Regen war der aufliegende Schnee reichlich pappig, zum Teil auch schon etwas rutschig. Hubert schärfte uns zum x-ten Mal ein – Liegestützposition !! falls Ihr rutscht.  Im ersten Anlauf hielten wir uns aber etwas zu tief, so dass nach wenigen hundert Metern unser Versuch in einer Spaltenzone endete. Konsequenterweise ordnete Hubert den Rückzug zur Hütte an. Nach neuer Beratschlagung mit der Hüttenwirtin dann der zweite Versuch hinaus in den Nebel. Diesmal, kurz nach Verlassen des Felsens, stiegen wir steiler an und erreichten tatsächlich den beschriebenen Windkolk, vielleicht 20m über der  Spur unseres ersten Versuches. Immer am Rand des Kolks und dann in Sichtweite des Felsgrates stiegen wir auf dem Gletscher bis auf etwa 3300m an und fanden tatsächlich den Abzweig auf den Seitengrat, nicht zuletzt Dank einer alten Spur.  Mittlerweile hatte auch der Regen aufgehört.

Der Abstieg über diesen Grat erforderte noch einmal volle Konzentration. Tiefer Schnee und zum Teil brüchiger Fels wechselten einander ab. Tiefblicke blieben uns aufgrund des anhaltenden Nebels erspart. Erst beim weitern Abstieg auf dem Gletscher ab  etwa 2800m gelangten wir unter die Wolkendecke und fanden dann problemlos den weiteren Weg zur Sulzenau Hütte (2191m).

Schon kurz vor der Hütte bekamen wir dann mehr Menschen zu sehen als während der ganzen letzten drei Tage zusammen. Die Hütte war fast völlig ausgebucht, das versprach eine unruhige Nacht im Massenlager. Darauf bereiteten wir uns konsequent mit Bier und Enzian vor. Aber es gab auch das gute Gelingen einer abwechslungsreichen Tour  zu begießen, nur geschmälert durch das verfrühte Ausscheiden von Karl, auf dessen Wohl wir auch immer wieder anstießen.

Ausgelassen und bettschwer zugleich bezogen wir unsere Lagerplätze und wurden noch am folgenden Morgen auf unsere abendliche Fröhlichkeit von den Lagernachbarn angesprochen. Jochen war wohl der einzige, der dem der Fröhlichkeit folgenden ausgiebigen Schnarchkonzert noch längere Zeit folgen konnte.

Um am folgenden Tag zurück zur Mutterbergalm zu gelangen, wählten wir den kleinen Abstecher über den Großen Trögeler (2902m). Wolken am Gipfel und zeitweise etwas Nieselregen konnten uns diese letzte Etappe auch nicht mehr vermiesen.

Alles in allem war es aufgrund der schwierigen Wetterverhältnisse mit Nebel, Schnee und Regen eine alpinistisch anspruchsvolle Hochtourenwoche, durch die uns Hubert sicher geführt hat. Trotz dieser Bedingungen haben wir fünf Dreitausender besteigen können, zum Erstaunen des einen oder anderen Hüttenwirtes, der bei diesem Wetter nicht mehr mit Gästen rechnete. Keinen dieser Gipfel mussten wir uns mit anderen Bergsteigern teilen, so menschenarm werden wir die Stubaier Alpen kaum wieder erleben können.  Ein kleines Manko waren die fehlenden Fernsichten, die wurden aber mehr als kompensiert durch das spannende Bergerleben bei nicht alltäglichen Verhältnissen.

Von mir als Wiedereinsteiger als Hochtourengeher auch noch einmal ganz herzlichen Dank an die ganze Gruppe und an Hubert, die mich so freundlich aufgenommen und in der einen oder anderen Situation so gut unterstützt haben.

Gerd Manegold

No Altitude
Trackstatistik: 
0.00Km

Standort

Standort:
Zuckerhütl
Österreich
46° 57' 51.9984" N, 11° 9' 12.9996" E